Tefilla – Lebensnähe zu Haschem

Datum: | Autor: Rav Schlomo Wolbe | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Tefilla
Raw Schlomo Wolbe SZL wurde 1914 in Berlin geboren. Er lernte in der Jeschiwa Mir in Polen und wurde naher Schüler des großen Maschgiach Raw Jerucham Leiwovitz SZL. Raw Wolbe war einer herausragende Mussar-Persönlichkeit seiner Generation, der viele Schüler großzog.
Raw Schlomo Wolbe SZL
Raw Schlomo Wolbe SZL

Unser Gebet, verflochten mit unserem gesamten Leben, ist jedesmal eine neue Erfahrung unserer Beziehung zu Haschem und eine Probe unserer Nähe zu oder Ferne von Ihm im Leben. Das hebräische Wort „Tefilla“ heißt seiner Wurzel nach nicht „Gebet“, sondern „Richten“. Am Morgen, Beginn eines neuen Tages, richten wir uns aus zu Ihm hin; nachmittags, mitten in unserem Tagewerk, richten wir uns auf an Ihm; abends nach vollbrachter Arbeit, richten wir uns vor Ihm: sind wir näher oder ferner geworden? Gewiss: die Tefillot sind Höhepunkte des Tages. Aber sie sind nicht ein Sich-wegwenden vom Leben. Im Gegenteil: sie kreisen alle um den einen Mittelpunkt: im Leben selber nahe zu sein zu Haschem.

Tefilla bedeutet nicht, Bitten erfüllt zu bekommen.

Wohl besteht sie teilweise aus Bitten. Aber es geht dabei nicht um Erfüllung, sondern um die Gewissheit, dass nur Haschem uns geben kann, was uns nottut. Um diese Gewissheit müssen wir immer wieder ringen. Wir erliegen immer wieder der Versuchung, alles Gelingen unserem eigenen Tun zuzuschreiben. Und es gelingt doch nichts ohne G-ttes Hilfe! „Nicht den Leichtfüßigen gelingt immer das Laufen, nicht den Starken der Kampf, nicht den Klugen der Broterwerb und nicht den Fachmännern Reichtum, und nicht den Wissenden — Sympathie zu finden.“[1]

Oder: „Wenn Haschem das Haus nicht baut — umsonst mühen sich die Bauleute. Wenn Haschem die Stadt nicht schützt, wacht umsonst der Wächter.“[2] Es ist das tiefe Anliegen der Emunah, zu wissen: in allem Tun, dem kleinsten wie dem größten, kommt alles darauf an, ob Haschem in Seiner Weltenführung ihm Raum gibt. Die Tora drückt es so aus: „Wenn du dir im Herzen sagst: meine Kraft, meine Energie hat mir Erfolg verschafft, dann gedenke: Haschem Dein G-tt gibt dir Kraft erfolgreich zu handeln!”[3] In diesem „Gedenken“ ist die Tefilla verankert.

Der Aussenstehende fragt oft:

wird es nicht langweilig, immer dieselben Gebete zu sagen? Nein, es wird uns nie langweilig. Wir fühlen jeden Tag und jede Stunde aufs Neue, wie sehr wir Haschems Hilfe brauchen in allem, was wir tun, und das ist es, was wir in der Tefilla ausdrücken.

Eine andere Frage ist: wie können wir Haschem bitten, Er hat ja die Krankheit geschickt — wie kann ich da um Heilung bitten? Er ließ ja arm sein — wie bittet man da um Wohlstand? Er hat uns doch ins Galut geschickt — wie bitten wir da um Kibbutz Galujot[4]? Er hat’s doch verhängt, und Er weiß doch, was gut für uns ist? Aber wir leben in einer Welt der Tat. Der Kranke tut alles, um gesund zu werden. Der Arme müht sich um sein tägliches Brot. Das Volk baut sein Land. Um unsere Emunah im tätigen Leben wach zu halten, brauchen wir die Tefilla.

Tefilla ist nicht nur Erfahrung unseres Verbundenseins mit Haschem, nicht nur ein Notschrei aus Bedrängnis.

Sie ist auch Mizwa: „…und ihm zu dienen mit eurem ganzen Herzen — das ist Tefilla“.[5] Es war unseren Großen möglich, den Sinn der Tefilla als Mizwa zu ergründen.

Und zwar: Haschem braucht unsere Tefillot nicht. Er weiß allein, was für uns gut ist. Aber Er will, dass wir ihn um alles bitten, was wir brauchen. Nur so rückt Er in unsre Lebensnähe, nur so wird Emunah uns eine lebendige Gewissheit. Und wir bitten aus ganzem Herzen, aber wir erwarten nicht unbedingt, dass es uns erfüllt wird. Tefilla ist uns Selbstzweck![6]

Weil aber Tefilla eine Lebensnotwendigkeit für uns ist, hat Haschem ihr Wirkung in der Welt zugeordnet.

Im Schöpfungsbericht heißt es: „Jedes Gewächs des Feldes war noch nicht auf der Erde, jedes Gras noch nicht gewachsen, denn Haschem, G-tt, hatte noch nicht regnen lassen auf die Erde, denn ein Mensch war noch nicht da, die Erde zu bearbeiten“[7]

Raschi erklärt: „Die Weltschöpfung war beendet am sechsten Tag ehe der Mensch geschaffen war, alles Gewächs stand an der Schwelle der Erde. Warum war es nicht gewachsen? Es hatte nicht geregnet. Warum war noch kein Regen? Weil der Mensch noch nicht da war, die Erde zu bearbeiten, und niemand kannte den Segen des Regens. Dann kam der Mensch und wusste, dass die Welt den Regen nötig hat, tat Tefilla und es regnete, und die Bäume und Gräser wuchsen.“ Tefilla hat Wirkung in der Welt! So können wir für uns und Andere beten und der Erhörung gewiss sein.

Tefilla kann nie sein ein bloßes „der-Pflicht-Genügen“, darf nie Gewohnheit werden. Der Mensch in seiner Tefilla steht „auf dem Höhepunkt der Welt![8]

  1. Koheles 9,11
  2. Tehillim 127,1
  3. V.B.M. 8,17-18???
  4. Versammlung der Verbannten
  5. Talmud Taanis 2a
  6. Siehe Mabit, Bet Elokim, Schaar Hatefilla Kapitel 2 und R‘ Simche Sissel Siw (Kelm) Chochma Umussar 2. Teil Kapitel 1
  7. Raschi Bereschit 2,2
  8. Brachot 6b

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