Das Los

Datum: | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Los

Wenige Menschen brauchten den Lotto-Jackpot mehr als ich vor siebzig Jahren. Ich lebte damals in Lodz. Ich taugte nicht viel als Emährer, doch beschwerte sich meine Frau Chawa nie. „Morgen wirst du mehr Erfolg haben“, tröstete sie mich immer. „Morgen wirst du Masel haben. „

Aber auch eine ganze Reihe von „morgen“ brachten mir nicht mehr Erfolg, doch irgendwie kamen wir durch. Wir bezahlten hier etwas, borgten dort wieder etwas, trugen hier eine Schuld ab, machten neue Schulden… so ging es einfach. Es waren schwere wirtschaftliche Zeiten in Lodz, und die meisten meiner Nachbam teilten dasselbe Schicksal.

Was höre ich euch da sagen?

Dass Lodz eine blühende Stadt war – besonders die jüdische Gemeinde? Nun, das stimmt gewiss. Die Stadt war im Allgemeinen wohlhabend, und viele reiche Industrielle lebten dort. Man kann wohl behaupten, dass der Lebensstandard anständig war. Aber in jeder Stadt gibt es auch eine Menge armer Leute, und ich gehörte nun einmal zu diesen.

Um auf meine Geschichte zurückzukommen: Nach Jahren, in denen ich mich gerade über Wasser halten konnte, gab es schließlich einen kleinen Aufschwung. Ich fand eine bessere Stelle in einer Fabrik, und obwohl wir immer noch arm waren, schien es zum ersten Mal, dass es uns eines Tages endlich einmal besser gehen würde.

Das war der Moment, wo es geschah. Ich kam nach Hause, als mein Sohn Jisrael ungefähr einen Monat alt war, und fand meine Frau Chawa in der Ecke der Küche vor. Sie weinte.

„Chawa, was ist los?“ Keine Antwort.

„Chawa“, fragte ich fast atemlos, „ist Jisrael..?“

„Nein“ , erwiderte sie, „das Baby ist in Ordnung, Baruch Haschem. „

„Was ist denn geschehen?“

„Als ich vorher fortging, um Fisch für Schabbat zu kaufen, traf ich Sarah, die Witwe. Du weisst, wen ich meine?“ „Ja.”

Eine sehr edle Frau, diese Witwe. Ich hatte ihren Mann, sichrono liwracha, gekannt. Als Kinder waren wir zusammen in den Cheder gegangen. Er war sehr jung gestorben und hatte eine neunzehnjährige Witwe und einen einjährigen Waisen zurückgelassen. Sie hatte nie wieder geheiratet, und arbeitete schwer, um sich und ihren Sohn zu emähren.

„Nicht mehr so klein“, sagte ich vor mich hin. „Muss schon über zwanzig sein.“

„Dreiundzwanzig, um genau zu sein.“ antwortete Chawa.

„Er heisst Schlomo, und lemt anscheinend ‚Safrut‘,“ erklärte Chawa weiter.

„Er wird bald selbständig arbeiten können. Man sagt, dass er ein sehr feiner junger Mann ist. Ein Baal Midot und ein Talmid Chacham.“

„Und?“ fragte ich verwundert? Was haben Schlomos gute Eigenschaften mit Chawas Weinen in der Ecke unserer Küche zu tun? Ich verstand den Zusammenhang nicht.

“Und?“ sagte Chawa im selben Ton. „Sarah hat einen Schidduch zwischen Schlomo und unserer Scheindi vorgeschlagen.”

Ich war zuerst sprachlos. Scheindi! Scheindi! Sie ist doch viel zu jung, um zu heiraten! Noch ein richtiges Kind. „Sie ist doch noch so jung…“ begann ich.

„Jossi,“ unterbrach mich Chawa. „Scheindi ist fast zwanzig.“

Ich konnte nur staunen. Scheindi war vor meinen Augen erwachsen geworden, und ich hatte es nicht einmal bemerkt.

„Nun“, erwiderte ich langsam. „er ist ein feiner Junge und ich habe nichts einzuwenden. „

„Auch ich habe nichts dagegen“, meinte Chawa. „Und Scheindi ebenfalls nicht. „

Das war erstaunlich!

„Scheindi! Du hast schon mit Scheindi darüber gesprochen?“

„Nein, “ antwortete sie, „aber ich bin sicher. „

„Schon gut,“ erwiderte ich irritiert. „Du weisst es also. Alles ist somit perfekt. Wir sind alle einverstanden.“

Ich glaubte bereits, die Chassenemusik in meinen Ohren zu hören, und summte eine Melodie. Aber Chawa sah gar nicht erfreut aus, und plötzlich erinnerte ich mich, dass sie einen Moment zuvor ja noch geweint hatte.

„Jossi“, begann sie, „hast du die Mitgift vergessen?“ Wie konnte ich nur so blöd sein?

„Eh“, sagte ich bitter, „damit sind alle schönen Pläne über den Haufen geworfen. Der Schidduch wird abgeblasen.“

„Aber Jossi, das Kind muss eines Tages heiraten. Wenn es nicht Schlomo, der Sohn der Witwe, ist, wird es jemand anderer sein. Und wir müssen eine Mitgift für sie haben. „

Meine Frau hatte recht, überlegte ich. Eine Mitgift muss da sein.

„Chawa, mach dir keine Sorgen. Ich werde mir etwas einfallen lassen, wie wir zu Geld kommen. Haschem wird helfen.”

Am nächsten Morgen wurde ich vom Gerassel der Töpfe in der Küche aus dem Schlaf geweckt, und Chawa grüßte mich mit einem fröhlichen Lachen.

„Guten Morgen“ sang sie fröhlich. Ich starrte sie verdächtig an. Was konnte über Nacht geschehen sein, um sie in eine solch gute Laune zu versetzen?

Sie schaute ringsherum, um sich zu vergewissem, dass keine Kinder zuhörten. „Erinnerst du dich an das, was wir gestem besprochen haben?“

Mich erinnem? Ich hatte die halbe Nacht wach gelegen, weil ich mir Gedanken gemacht hatte, und sie fragte mich, ob ich mich erinnere?!

„Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden“ fuhr sie fort. Ohne auf eine Antwort zu warten, erklärte sie: „Wir werden ein Los kaufen. „

„Ein was?“

„Ein Lotterielos. Wenn wir gewinnen, wird der Gewinn für Scheindis Mitgift reichen, und vielleicht wird auch noch genug übrig bleiben, um allen Kindem neue Schuhe zu kaufen – die sie ganz bestimmt benötigen. „

Zuerst wollte ich lachen, aber ich brachte es nicht über mich, Chawas Begeisterung zu zerstören.

„Chawa, “ meinte ich, „das es ist ein schöner Traum, aber das ist alles – es ist nur ein Traum. Es gibt Tausende von Losnummem. Wer sagt, dass wir gewinnen werden?“

„Und wer sagt, dass wir nicht gewinnen werden?“ entgegnete sie unlogisch.

Und so begann der Kampf. Wir diskutierten hin und her, und keiner wollte nachgeben, bis ich merkte, wie spät es geworden war. „Ich gehe jetzt zur Arbeit“, verkündete ich. „Ich werde gegen drei Uhr zu Hause sein, aber ich bringe keine Lose nach Hause.”

Sobald ich jedoch bei der Arbeit war, kamen mir alle Argumente meiner Frau wieder in den Sinn, und je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Idee. Wenn wir gewinnen würden, wären alle unsere Probleme gelöst.

Auf dem Heimweg beschloss ich, einen kleinen Umweg zu machen, um Chaskel, dem Losverkäufer, einen Besuch abzustatten. Natürlich nicht, um ein Los zu kaufen! Nur für einen kleinen Schwatz, einfach so zum Zeitvertreib.

„He, Jossel“, rief er mir zu. „Du kommst gerade zur rechten Zeit.

„Zur rechten Zeit?“ stotterte ich. „Zur rechten Zeit wozu?“

„Um ein Lotterielos zu kaufen. Ich habe gerade noch ein Los von dieser Ziehung übrig. Nummer 702. Bist du interessiert?“

„Wer, ich? Chawa wollte …”. , ich unterbrach mich selbst, als ich realisierte, was ich da sagte.

„Nun, was ist der Unterschied?“ fragte er auf seine typisch praktische Art. „Es ist doch alles eine Tasche, nicht wahr? Hör zu, Jossel, dein Glück ist gemacht. Du siehst sogar aus, wie einer, der Glück hat. Man sieht dir das Glück regelrecht auf deinem Gesicht an. „

,Du… du siehst es?“

„Bestimmt. Und dieses Los ist wie geschenkt. Nur zwanzig Rubel.“

„Zwanzig Rubel!“ stotterte ich. Ein wahres Vermögen. Wir hatten zehn Rubel gespart, die wir für Notfälle auf der Seite hatten, und Chawa wollte den Betrag für ein Los ausgeben. Aber woher in aller Welt sollte ich noch weitere zehn Rubel auftreiben? Nun, macht nichts. Ich würde es irgendwie schaffen.

Meine Gedanken waren inzwischen so von dieser Idee benebelt, dass ich dieses Los einfach haben musste.

Ich rannte nach Hause, holte meine silbeme Taschenuhr, ein Erbstück von meinem Vater, und machte mich zum Pfandhaus auf. Das Geschäft war bald erledigt, und die zehn Rubel, die ich erhalten hatte, waren bald in den Händen des Losverkäufers. Und ich, minus meinem wertvollsten Besitz und meinen letzten zehn Rubel, fühlte mich als den reichsten Mann auf Erden.

„Hallo, Reb Josef? Wie geht’s?“

Ich schaute erstaunt auf. Es war Raw Elja Chajim Meisel, der Raw der Kehila.

Rabbi Elijahu Chaim Meisel, Raw von Lodz
Rabbi Elijahu Chaim Meisel, Raw von Lodz

„Rebbe“, ich zupfte ihn am Ärmel. „Seht Ihr, was ich da in der Hand halte?“

Er nahm das Los von mir, studierte es einen Moment lang, und drehte es in der Hand um.

„Ein Los für zwanzig Rubel! Bist du ein solch reicher Mann, Reb Josef, dass du für ein Lotterielos zwanzig Rubel hergeben kannst?“ „Ich? Voriges Geld?“ enviderte ich lachend. „Rebbe, ich habe mein ganzes Leben lang nie einen vorigen Rubel besessen. Aber meine Frau meinte, dass wir unser Glück in der Lotterie versuchen sollten. So nahm ich die zehn Rubel, die wir für Notfälle auf der Seite hatten, und verpfändete meine ‚Jeruscha‘ für die andem zehn Rubel. Rebbe, glaubt Ihr, dass ich Glück haben werde?“

Er schaute amüsiert das Los an, aber als er antwortete, war seine Stimme voller Begeisterung: „Reb Josef, dies ist ein glückliches Los. Siebenhundertundzwei. Ich sehe, dass du ein reicher Mann sein wirst. Ja, ich kann es schon sehen.“

„Könnt Ihr das, Rebbe? Glaubt Ihr wirklich, dass dies sein wird?“ „Ich bin überzeugt. Siebenhundertundzwei. Wie glücklich bist du, dass du dieses Lotterielos hast. Ich bin so froh, dass du es mir gezeigt hast. Ich möchte dein Partner sein.“ Und damit zog er seine Brieftasche hervor.

Ich hätte vor Freude tanzen können.

Der Raw glaubt, dass es Glück bringen wird, und er ist davon so überzeugt, dass er sogar zehn Rubel riskieren möchte, um es mit mir zu teilen.

Aber was war das? Er hielt zwanzig Rubel in der Hand, nicht zehn. „Rebbe, das Los kostete zwanzig Rubel. Ihr müsst mir nur zehn geben. „

„Macht nichts, macht nichts,“ meinte er geistesabwesend. „Ich möchte dir die ganze Summe geben. Allein das Privileg, ein solch fantastisches Los zu teilen, ist zwanzig Rubel wert. Hier, nimm das Geld, und geh‘, hol dir deine Sachen vom Pfandhaus. „

Während der nächsten zwei Wochen konnte ich weder recht essen, schlafen und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Und dann endlich, endlich, kam der lang erwartete Tag. Ich kaufte die Zeitung und schaute die Liste der Gewinner durch.

Meine Nummer war nirgends zu finden. Ich hatte nicht gewonnen, nicht einmal den kleinsten Preis. Es musste ein Fehler sein. Zerbrochen machte ich mich zu Raw Elja Chajims Haus auf und fand ihn in seinem Lemzimmer.

„Rebbe, das Los… hat nicht gewonnen.“

Er schaute mhig von seinem Sefer auf, als hätte ich ihm gerade erzählt, dass es aufgehört hatte zu regnen.

„Und was gibt es sonst noch Neues?“ fragte er ebenso ruhig.

„Rebbe! Seid Ihr nicht überrascht?“

„Natürlich nicht. „

„Aber Ihr habt mir doch die zwanzig Rubel gegeben, weil Ihr überzeugt wart, dass das Los einen sicheren Gewinn bringen würde. „

„Meinst du, dass ich auch nur einen Moment lang sicher war, dass deine Nummer gewinnen würde? Ich gab dir die zwanzig Rubel, damit du dir deine Sachen aus dem Pfandhaus auslösen konntest, und du nicht ohne Geld für den Notfall verbleiben würdest. Ich gab nur vor, dass ich einen Anteil an dem Los haben wollte, damit du das Geld annimmst. Das nächste Mal mach keine solch dummen Sachen. „

Was gab es da zu sagen? Ich schwieg.

„Reb Josef!“

„Ja,

„Warum hast du überhaupt ein Los gekauft?“

Und dann kam die ganze Geschichte heraus, von Chawa, die in der Küche weinte, und über Scheindi und den Sohn der Witwe.

„Wieviel brauchst du, um deine Tochter zu verheiraten?“

Ich rechnete schnell nach. Die Mitgift, die Chassuno…“ „Dreihundert Rubel“, erwiderte ich.

Wortlos ging er zu seiner Schublade und nahm ein verschlossenes Kuvert heraus.

„Hier, nimm das“, sagte er.

Es lohnte sich nicht, zu protestieren. Ich wusste, dass ich das Geld benötigte, und Raw Elja Chajim wusste es auch.

Als ich nach Hause kam, riss ich das Kuvert auf. Es enthielt 350 Rubel, genug, um Scheindi zu verheiraten, und noch fünfzig Rubel dazu, um allen Kindem neue Schuhe zu kaufen.

Dann drehte ich das Kuvert um und sah, dass es an Raw Elja Chajim Meisel adressiert war. Links oben war der Stempel der Kehila.

Und dann erinnerte ich mich. 350 Rubel war das monatliche Salär des Raw. Ich war bei der Sitzung der Kehila anwesend gewesen, als sein Gehalt festgesetzt worden war.

Konnte es sein, dass er mir seinen ganzen monatlichen Verdienst gab, ohne das Couvert zu öffnen, einfach so? Nein, unmöglich. Es konnte nicht sein. Oder vielleicht doch . . .?

Mit freundlicher Genehmigung des DJZ Verlags

TEILEN

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT