Wochenabschnitt Toldot – Wieso erhält man bei der Geburt den ‘Jezer haRa’ und nicht den ‘Jezer haTov’?

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Jezer

וַיִּגְדְּלוּ הַנְּעָרִים וַיְהִי עֵשָׂו אִישׁ יֹדֵעַ צַיִד אִישׁ שָׂדֶה וְיַעֲקֹב אִישׁ תָּם יֹשֵׁב אֹהָלִים – „Die Jünglinge wuchsen heran, Esav wurde ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes, und Jakov wurde ein aufrichtiger Mann, der in Zelten [der Torah] wohnte“ (25, 27).

Chasal sagen: „Wenn ein Kind im Bauch der Mutter heranwächst, lernt es mit einem Mal’ach die ganze Torah. Bevor es aber zur Welt kommt, versetzt ihm der Mal’ach einen Schlag und es vergisst alles Gelernte“[1]. Daher stellt sich die Frage: „Wozu lernt der Mal’ach mit dem Kind überhaupt, wenn es das Gelernte wieder vergisst?

Rabbi Jisrael Friedmann sZl., der heilige Rus’ziner, erklärte das anhand eines Beispiels: „Um mit einem Stempel etwas abstempeln zu können, muss man ihn zuerst aufs Stempelkissen drücken, damit sich der Stempel mit Tinte vollsaugen kann. Dies ist auch der Sinn dieses Lernens: es ist eine Vorbereitung auf das künftige Torah-Lernen des Kindes, damit seine innere Seele und Verstand nun bereits mit dem Geist und der Heiligkeit der Torah benetzt worden.

Dadurch ist es für einen Jehudi später bedeutend leichter, in die Tiefe der Torah eindringen zu können[2].

Ferner lehren unsere Weisen sl., dass ein Kind bei der Geburt bereits den ‚Jezer haRa‘ (‚Trieb zum Bösen‘) besitzt, während es den ‚Jezer haTov‘ (‚Trieb zum Guten’) erst beim Erwachsenwerden erhält[3]. Warum? Wäre es nicht sinnvoller, dass es in den Kinderjahren nur den Jezer haTov besitzt?

In den ersten Jahren eines Kindes ist nichts von seinem innerlichen Kampf sichtbar, und auch im Verlauf der weiteren Jahre tritt er kaum zutage doch sobald das Kind erwachsen wird, findet es sich kaum noch zurecht in diesem, mit heftiger Wucht ausbrechenden, täglichen schweren Kampf. Das Kind kann dann von zwölf bzw. dreizehn Jahren Erfahrung im Kampf gegen den Jezer haRa profitieren. Wäre es aber umgekehrt gewesen und das Kind hätte zu Beginn nur den Trieb zum Guten besessen und dann, nach 12-13 Jahren, plötzlich den Trieb zum Bösen erhalten, so wäre es gänzlich verloren gewesen.

Es verwundert daher auch nicht, dass Adam haRischon und Chawa gleich am ersten Tag ihres Lebens sündigten, da sie keine Erfahrung mit den Tücken und der Hinterhältigkeit der Schlange, also des Jezer haRa, hatten.

Trotzdem waren auch sie schuldig, da sie eine unfehlbare Waffe gegen den Jezer haRa besaßen – die Torah und Gebote G’ttes[4]. Dieses Gegenmittel kann ein Kind aber erst auf wirksame Art einsetzen, wenn es erwachsen wird. Aus diesem Grund fängt die Schuldfähigkeit erst mit zwölf bzw. dreizehn Jahren an, vorher kann es für seine Sünden nicht verurteilt werden .

„Wajigdelu haNe’arim“, als die Jünglinge erwachsen wurden, entwickelte sich Esaw zu einem „Isch jodea Zajid“ (ein jagdkundiger Mann), also zu einem dem Betrug gänzlich hingegebenen Mann[5], „Isch sadeh“ (ein Mann des Feldes), der keine Waffen gegen seine schlechten Eigenschaften besitzt, also einem offenen Feld gleich, das leicht überrannt und eingenommen werden kann. Jakov Awinu hingegen war ein „Isch Tam, joschev Ohalim“ (ein aufrichtiger Mann, der in Zelten wohnte), gleich, nachdem Jakov Awinu erwachsen wurde, war er sofort „Tamim“ – ein aufrichtiger und makelloser Mann, der keine Falschheit kannte[6].

Zudem saß er in den ‚Zelten von Schem und Ewer‘ und eignete sich somit die Torah, das Gegenmittel gegen den Jezer haRa, vollständig an. Mit der „Torah von Schem“ ist die allgemein bekannte Lehre gemeint, die „Torah sche’bichtav“ (wie der „Schem“, der Name einer Person, in aller Munde ist und überallhin verbreitet ist). Mit „der Torah von Ewer“ hingegen ist die mündlich überlieferte Torah gemeint („Ewer“ meint hinübergehen/weitergeben). Daher konnte Jakov furchtlos dem nun beginnenden Kampf gegen den Jezer haRa entgegentreten.

Dadurch verstehen wir die Worte des Midrasch zu diesem Passuk:

„Aus dem Passuk „Wajigdelu haNe’arim“ wird gelernt, dass der Vater ab dem Zeitpunkt, an dem die Kinder erwachsen werden (Bar bzw. Bat Mizwa) keine Verantwortung mehr für sein Kind trifft und er „Baruch schepatrani meOnscho schel Seh“ (Gelobt sei Er, der mich von der Bestrafung von diesem befreite) sagen muss“[7]. Weil das Kind schon seit der Geburt auf die künftige „Milchemet haJazer“ (Kampf gegen seinen ‚Jezer haRa‘) vorbereitet wird, ist es mit dem Eintritt des Erwachsenenalters reif, auf eigenen Füßen zu stehen, und muss nun die Verantwortung für seine Taten selbst tragen. Es kennt nun schon seit einigen Jahren den inneren Feind und erhält zudem ab heute ein starkes Gegenmittel – die Torah. Vielleicht könnte diese auch als Grund gelten, dass der Vater diese Beracha vor der ‚Sefer Torah‘ spricht.

Dennoch benötigt selbst das erwachsene “Kind” noch immer ‚Chisuk‘, ja sogar bis an sein Lebensende, denn „Arba’ah zerichim Chisuk“ – „Vier [Dinge] benötigen [ständig] eine Verstärkung“, sagen Chasal, und dazu gehören auch die Torah und die Tefila[8]. Genauso wie der Körper immer wieder neue Kräfte benötigt, muss auch das Geistige ständig gestärkt und mit neuem Hit’orerut aufgefrischt werden. Deswegen fürchtete sich Jakov Awinu später, als er Esav nach seiner Rückkehr aus Charan noch einmal entgegentreten musste. Obwohl er seinem Bruder – die List und die Tücken des Esav, den ‚Jezer haRa‘ – schon so lange kannte, zitterte er trotzdem, als er ihm begegnen sollte und sagte: „Schema garam haChet“, vielleicht ist meine G’ttesfurcht schwach geworden[9].

Er befürchtete, dass seine geistige Stufe (Madrega) für die nun bevorstehende geistige Konfrontation mit Esav ungenügend sein würde. Deshalb bat er Hkb“H (32,11): „Hazileni no miJad Ochi miJad Esov“„Rette mich bitte aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esavs“, der obwohl er unbewaffnet ist und einem Bruder gleicht, ist trotz allem “Esav“ – ein gefürchteter Betrüger und hinterhältiger Schwindler!

Deshalb schickte Jizchak seinen Sohn Jakov zu Lawan, dem berüchtigten Schwindler par excellence.

Jizchak wusste, wie nötig es jeder Jehudi hat, einen Chisuk in der ‚Awodat Haschem‘ (G’ttesdienst) zu erhalten, selbst wenn er schon auf einer sehr hohen geistigen Stufe steht. Das konnte Jakow bei Lawan sehr gut lernen. Man muss nämlich vom Jezer haRa selbst die Kunst des Schwindels erlernen, um ihn überlisten zu können und die von ihm ausgelegten Fallen rechtzeitig zu erkennen und gegen ihn selbst zu verwenden.

Vielleicht wird dies im Passuk am Ende dieser Parscha angedeutet (28,5): „Jizchak schickte den Jakov zu Lawan, dem Bruder von Rivka, der Mutter von Jakov und Esav“. Raschi wundert sich darüber, warum der Passuk uns an dieser Stelle an die bereits bekannte Tatsache erinnern muss, dass Rivka die Mutter von Jakov und Esav war. Die Torah gibt hier nämlich den Grund dafür an, weshalb Jizchak den Zadik Jakov gerade zu so einem berüchtigten Schwindler und dem größten aller Betrüger wie Lawan schickte:

Da Lawan ein Onkel von Esav war, konnte Jakov bei ihm die gleiche Arglist, Trug und Heimtücke kennenlernen, die das Handwerk von Esav und des Jezer haRa sind.

In den Sefarim haKedoschim wird dieses Konzept mit den Worte von Dawid haMelech erklärt (Tehilim 119,98): מֵאֹיְבַי תְּחַכְּמֵנִי מִצְו‍ֹתֶךָ„Von meinen Feinden lass mich klüger werden in Deinen Geboten”, indem ich mir die Tricks und Argumente des Jezer Hara aneigne, werde ich am Ende klug genug sein, um die Gebote von Haschem ungestört zu befolgen.

Daher ließ Jakov als er von Lawan zurückkehrte, dem Esav mitteilen (32,4): „Bei Lawan wohnte ich“, was Chasal so interpretieren: „Im Lawan garti, weTarjag Mizwot schamarti“ – „Obwohl ich bei Lawan wohnte, habe ich dennoch alle 613 Gebote beachtet und bin seinem schlechten Beispiel nicht gefolgt“[10]. Also kann ich auch mit dir fertig werden…“.

  1. Nidah 30b
  2. Sefer Knesset Mordechai (Sadigura, P. Jitro)
  3. Midrasch Kohelet Rabba (4,15 und 9,22)
  4. Kiduschin 30b
  5. Siehe Raschi zur Stelle
  6. Raschi zur Stelle
  7. Bereschit Rabba 63,10
  8. Berachot 32b
  9. Raschi Bereschit 32,11 gemäss Berachot 4a
  10. Raschi zur Stelle

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