Wochenabschnitt Wajigasch – Rücksicht auf die Gefühle anderer

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Rücksicht

וְהִנֵּה עֵינֵיכֶם רֹאוֹת וְעֵינֵי אָחִי בִנְיָמִין כִּי פִי הַמְדַבֵּר אֲלֵיכֶם Als sich Josef seinen Brüdern offenbarte, sagte er ihnen (45,13): „Eure Augen sehen es, und die Augen meines Bruders Binjamin, dass es mein Mund ist, der zu euch spricht“.

Raschi zitiert die Erklärung von Chasal, wonach Josef mit „Eure Augen sehen es doch“ seine Brit-Milah meinte, die er ihnen zeigte. Und mit „mein Mund, der zu euch spricht“ war die „Heilige Sprache“ (‚Laschon haKodesch‘) gemeint, in der Josef mit ihnen sprach[1].

Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Brüder zuerst nicht glauben wollten, was ihnen gesagt wurde – dass sich der ägyptische Vizekönig plötzlich als ihr verschollener Bruder entpuppte. Sie mussten daher von der Wahrheit mit verschiedenen Beweisen überzeugt werden.

Auch uns geschieht es immer wieder, dass wir von der Wahrheit erst überzeugt werden müssen, weil wir bisher an das Gegenteil glaubten oder hinters Licht geführt wurden.

In Wirklichkeit muss ein Mensch in einem solchen Fall nicht von der Tatsache überzeugt werden, und meistens helfen solche Beweise überhaupt nicht. Im Gegenteil erzeugt das Anhäufen von Beweisen oft nur das Gegenteil, der Irrende baut eine Schutzwand um seine Meinung, die er vehement mit allen Mitteln verteidigt, obwohl ihm im tiefsten Herzen die Wahrheit klar ist. Das Problem liegt in der Akzeptanz des Irrtums und dessen Folgen. Dem getäuschten Menschen fällt es sehr schwer, sich von seiner früheren Ansicht zu trennen; er neigt dazu, sich in gewohnten Bahnen zu bewegen und möchte alles beim Alten lassen.

Manchmal schämt sich der Mensch zu sehr, um die Wahrheit zuzugeben, und wenn die Scham groß genug ist, wird er alles tun, um die Wahrheit zu leugnen und zu begraben.

Dennoch ist die Kraft der Wahrheit unumstößlich, sie steht mit beiden Füssen auf dem Boden: „Scheker en lo Raglajim, Emet jesch lo Raglajim“ – „Lügen haben keine (kurze) Beine, die Wahrheit aber hat Beine“[2]. Jeder muss sie akzeptieren – und auch wenn man es nicht zugeben will, kommt die Wahrheit im Herzen an.

Als Josef sich seinen Brüdern offenbaren wollte, schickte er zuerst alle Mizrim aus dem Thronsaal, denn er wusste, was nun folgen wird – die Beschämung seiner Brüder.

Hätte er dies vor den Mizrim getan, hätten seine Brüder womöglich versucht, die Wahrheit, die ihnen offenbart wurde, zu leugnen, da sie sich zu sehr vor den Mizrim schämen würden..

Nachdem also die Mizrim den Saal verlassen hatten, sprach Josef (45,1-3): „Ich bin Josef, lebt mein Vater noch?“ Obwohl er ihnen diese Frage schon zuvor gestellt hatte[3], wiederholte er sie, denn: „Wisset, dass ich Josef bin und jetzt werdet ihr auch meine Frage verstehen, die ich euch schon früher stellte, ob mein Vater noch lebe? Mit anderen Worten frage ich euch: Wie konntet ihr mich nur verkaufen?! Sogar wenn ich es eurer Meinung nach verdient hätte, so hättet ihr Rücksicht auf das Wohlergehen unseres Vaters nehmen müssen! Ihr wusstet doch, dass er „mein Vater“ ist und wir eine ganz besondere und innige Verbindung haben, und er niemals über so einen Verlust hinwegkommen könnte!“

Hier zeigt Josef seine spezielle Rücksicht auf die Gefühle seiner Mitmenschen, was die Basis für eine funktionierende Beziehung „ben Adam leChawero“, zwischen dem Menschen und seinen Mitmenschen, darstellt.

Einerseits wollte er seine Brüder zurechtweisen, dass sie keine Rücksicht auf ihren Vater genommen hatten, als sie über den Tod und später den Verkauf Josefs entschieden. Wenn sie dies bei ihrem „Din-Torah“ berücksichtigt hätten, dann hätten sie möglicherweise ihr ganzes Vorhaben geändert oder gar ganz aufgegeben. Und dies hätte natürlich den Verlauf der Geschichte für künftige Generationen verändert!

Dazu muss jedoch erwähnt werden, dass diese Anklage sich nicht gegen Re‘uwen richtete. Er war ja nicht dabei, als die Entscheidung getroffen wurde , da er an diesem Tag mit „Kibud Aw“ beschäftigt war und zu Hause blieb. Re’uwen, der an diesem Tag ganz besonders auf die „Ehre des Vaters“ achtete, hätte dem Verkauf von Josef niemals zugestimmt. Er plante nämlich, ihn wieder aus der Grube zu ziehen – aber er kam zu spät!

Andererseits tröstete Josef seine Brüder und zeigte ihnen die g’ttliche Vorsehung (Haschgache Pratit), die Jakov, ihren Vater, getroffen hatte.

Er wurde nämlich für die 22 Jahre, in denen er die Mizwa von „Kibud Aw“ nicht erfüllte, mit der Abwesenheit von Josef bestraft, die genauso lange dauerte. Die „Mida keneged Mida“ (‘Maß für Maß’) lag darin, dass ihm auch seine Söhne genauso lange nicht die Ehre erwiesen, indem sie zuerst das Todesurteil gegen seinen geliebten Josef aussprachen und diesen dann verkauften.

Wie Chasal uns lehren, hatten die Brüder selbst Hkb“H in ihren Bann einbezogen, dem Jakov nichts von der Wahrheit zu offenbaren[4]. Obwohl Hkb“H mit den Plänen der Brüder ganz sicher nicht einverstanden war, verriet Er nichts, um Jakov zu bestrafen. Stattdessen benutzte Hkb“H die Brüder als Boten, um Jakov zu strafen, denn מְגַלְגְּלִין חוֹבָה עַל יְדֵי חַיָיב – „Haschem lässt die Bestrafung durch einen Schuldigen ausführen“[5]. D.h. G’tt hat genügend Boten zur Ausführung Seiner Pläne, benutzt jedoch zur Ausführung einer Strafe jemanden, der sich ganz von alleine anbietet, der Strafende zu sein.

Diese Erklärung, , der Erkenntnis der g’ttlichen Fügung, sollte die Scham seiner Brüder abmildern, denn das, was mit ihrem Vater geschehen war, musste so geschehen, es wurde von G”tt so verfügt! Dies sollte ihnen auch dabei helfen, ihre Fehler einzugestehen.

Dennoch war ihr Verhalten falsch gewesen und entsprach nicht dem Willen von Hkb“H.

Als Josef sich dann seinen Brüdern offenbarte, erschraken sie tatsächlich zutiefst, weil sie sich furchtbar schämten, wie Raschi erklärt[6]. Nicht, dass sie Josef nicht glaubten, ganz im Gegenteil, sie erkannten sofort, dass er die Wahrheit sprach.

Vielmehr schämten sie sich so sehr, dass es ihnen die Sprache verschlug. Der kluge Josef hatte also ihre Gefühle richtig eingeschätzt. Er versuchte, beide Ziele zu erreichen: einerseits die Scham seiner Brüder zu mildern, ihnen andererseits aber auch klar zu machen, was sie falsch gemacht hatten.

„Seid nicht traurig darüber, dass ihr mich verkauft hattet, den G’tt machte mich zu eurem Ernährer…“ (45,5-8). Josef machte auf ein weiteres Detail der „Haschgacha Pratit“ hin, dass er nun in der Lage war, für den Wohlstand der ganzen Familie zu sorgen. Zugleich aber verwendete Josef während seiner ganzen Rede nur den g’ttlichen Namen “Elokim” – die Bezeichnung für die „Midat haDin“ (der g”ttlichen Strenge), und wies damit auf ihre Fehler hin.

  1. Midrasch Bereschit Rabba 93,10
  2. Schabbat 104a
  3. Bereschit 43,27
  4. Raschi zu 37,33 gemäss Pirke deRabbi Elieser 38 und Midrasch Tanchuma P. Wajeschew 2
  5. Schabbat 32a
  6. Bereschit 45,3

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT