Gebet – Tore der Tefilla – Einleitung

Datum: | Autor: Rav Schimschon Dovid Pincus | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Tefilla

Rabbi Shimshon Dovid Pincus war ein weltberühmter Marbitz Tora, der sehr vielen jüdischen Menschen in der ganzen Welt zu einer größeren Nähe zu Haschem und klaren jüdischen Weltanschauung verhalf – dank Aufnahmen seiner Schiurim und seinen Büchern auch, vielleicht noch mehr als zu seinen Lebzeiten, auch nach seinem tragischen Tod. Rav Pincus, der Raw der Stadt Ofakim war, seine Frau und eine Tochter verstarben in einem Verkehrsunfall im Jahr 2001.

Einleitung

  1. Der Grundsatz des Erfolges und die Säule des Dienstes sind das Wissen, dass die Tefila zu den Stützpfeilern gehört, auf denen alles steht. So wie das Lernen der Tora zu den Grundpfeilern der Welt gehört, so ist es auch die Tefilla. Sie ist die Stütze des Menschen und der Welt. Sie ist das Glied, an dem die Seele des Menschen hängt. Dies gilt für die Wertschätzung des G“ttesdienstes und auch für den Erfolg aller menschlichen Injanim. Ob geistig oder irdisch – alles muss über den Weg der Tefilla, über die Arbeit der Tefilla, gehen. Ohne Tefilla ist es unmöglich, etwas zu erreichen. So sagen Chasal (Nida 70) „Was soll ein Mensch tun, um ein Chacham zu werden, zu Reichtum zu gelangen, oder Söhne zu bekommen… er bete zu Haschem, der Chochma, Reichtum und Söhne Sein eigen nennt.“ Ohne diese Tefilla gibt es keine Hilfe. Umsomehr müssen wir in einer Zeit von Schwierigkeiten, nach der Art unserer Väter, bei jeder Zara (die nie kommen möge) unser Geschrei zum Himmel richten. Denn nur dies kann uns aus der Bedrängnis retten. So sagt uns Rabbi M. Ch. Luzato in seinem Sefer “Derech Haschem“, dass wir uns, um etwas zu erreichen, an Haschem wenden müssen. Entsprechend der Art und Weise unserer Tefillot kann Bracha auf uns hinabströmen. Ohne Tefilla wird nichts geschehen. Es gibt zwei Wege der Tefilla, um eine Antwort vom Himmel zu erreichen.
  2. Wie wir es üblicherweise machen: Wenn der Mensch etwas benötigt, jedoch die Kraft seiner Taten und Verdienste nicht ausreichen, um es zu erhalten, kann er dies durch seine Tefillot erreichen.
  3. Wie es in den früheren Sefarim gebracht wird: Die Tefilla ist das Tor und der Eingang zu den Schatzkammern des Himmels. Auch wenn der Mensch wegen seines vorzüglichen Lebenswandels dazu auserwählt wurde, Bracha und Hilfe zu erhalten, bekommt er diese trotzdem erst durch seine Tefillot. Die Tefilla wird als Tor betrachtet, durch das alles hindurchgeführt wird. So wie es in Bereschit bei der Weltschöpfung erklärt wird: Jedes Gewächs spross erst nach der Tefilla des ersten Menschen aus der Erde, in der er um Regen bat (s.dazu auch Chulin 60).
Daraus ersehen wir, dass sogar bei der Weltschöpfung das Tor der Tefilla benötigt wurde, um die Bracha auf die Welt zu bringen.

So finden wir es auch bei Jizchak. Obwohl Awraham bereits zugesagt wurde, dass von ihm das jüdische Volk hervorgehen wird, wurden Jizchak und Riwka erst Kinder geschenkt, als sie dafür gedawent hatten. Dasselbe ereignete sich bei der Erlösung aus Ägypten. Auch hier war diese bereits den Vorvätern versprochen worden. Ohne Tefilla geschah aber nichts. Es gibt noch viele weitere Stellen in der Tora, bei denen das gleiche Prinzip ersichtlich ist.

Es wird im Namen von Rabbi Chajim Vital gebracht, dass in der Zeit des Talmuds ein Grossteil der Awodat Haschem im Lernen der Tora bestand. ln der heutigen Zeit von Ikveta deMeschicha (Zeit kurz vor dem Kommen des Moschiach) jedoch besteht diese in der Tefilla. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich der Aspekt von Toralernen geändert hat, denn die Regel “Talmud Tora keneged kulam” gilt nach wie vor. Auch heute ist ein Wort des Toralernens gleichwertig wie alle anderen Mitzwot und Tefillot zusammen. Am Beispiel von Rosch Haschana können wir die Worte von Rabbi Chajim Vital verstehen. Sicher ist das Lernen eines Blattes Gemoro an diesem Tag bedeutender als das Schofarblasen, denn auch am Rosch Haschana gilt die erwähnte Regel “Talmud Tora keneged kulam”. Und dennoch müssen wir eingestehen, dass die Hauptarbeit des Tages im Blasen des Schofars liegt. Wer dies vernachlässigen würde, um Gemara zu lemen, dem würde dieses Lernen nicht wie sonst angerechnet. Denn was sonst wäre die Bedeutung von ”ללמוד אל מנת לעשות”, “Lernen, um in die Tat umzusetzen”?

So ist es auch in unserer Generation mit der Tefila. Man muss das Toralernen zur Hauptsache machen, demgegenüber wird alles andere zur Nebensache. Die größte Möglichkeit, eine höhere geistige Stufe zu erreichen, liegt doch in der Bemühung im Toralernen. Dennoch muss unsere Generation die Awodat Hatefilla speziell beachten. Deshalb muss man sich darum bemühen, dieser Awoda einen besonderen Stellenwert einzuräumen.

Warum ist die Awoda in Tefilla gerade in unserer Generation, in der Zeit vor dem Kommen von Moschiach, so wichtig, wichtiger als früher?

Wir finden die Antwort im Obenerwähnten, wonach alles durch das Tor der Tefilla gehen muss, ansonsten es nicht zur Ausführung kommt. Alle früheren Generationen haben mit ihrem unfassbaren Einsatz und Streben, ihrem Verzicht auf das Materielle und Erfüllen all der vielen Mitzwot, ihren Verdiensten und den Leiden und Schwierigkeiten, die sie auf sich genommen haben, den Weg für Moschiach geebnet. Mit der vereinten Kraft aller Generationen kommt Moschiach auch wirklich. Ohne das Öffnen der Tore mit Tefilla, durch die die Erlösung kommen wird, kann aber nichts erreicht werden. Deshalb schreibt uns der Prophet (Jirmijahu 31): “mit Weinen werden sie kommen und durch ihre Bitten werde Ich sie führen”. Darauf erklären Chasal, dass das Galut nur durch Tefillot aufhört, denn schlussendlich gelangt alles, aber auch wirklich alles nur durch Tefillot an sein Ziel.

Somit verstehen wir die dringende Notwendigkeit, die Anordnungen und Arten der Tefilla kennenzulernen, und uns dafür auch wirklich Zeit zu nehmen, bis wir uns darin vollkommen auskennen. Das ist die Vollendung der Arbeit, die man aufwendet, um das Ziel im Leben zu erreichen. Es wäre vorstellbar, dass ein Mensch sich dafür einsetzt, alle Gaben in geistigen und irdischen Bereichen zu erlangen, erhält sie aber nicht, weil er sich in seinen Tefillot nicht richtig ausgedrückt hat. Wer weiss, wieviele herrliche Geschenke von HKB“H für uns am Tor des Himmels bereitliegen, die nur darauf warten, dass das Tor sich öffnet – durch den Schlüssel der Tefillot.

Ein Mensch jedoch, der ausgiebig dawent, wird seine Geschenke erhalten, durch geöffnete Tore!

2.

Zu den Geheimnissen des Erfolgs in der Tefillaarbeit gehört es, dass man sich bemüht, ständig zu ’steigen‘, Schritt um Schritt. Beim Toralemen ist dieser Gedanke nichts Fremdes. Wer einige Jahre in der Jeschiwa gelernt hat und im Rückblick feststellt, dass er immer noch auf der gleichen Stufe steht wie in der Anfangszeit und dass er nicht mehr weiss und versteht als anfangs, wird in seinen Agen und in den Augen der Freunde als Taugenichts dastehen. So ist es auch bei der Tefilla. Auch hier muss man ständig vorwärtskommen. Von Tag zu Tag, und von Jahr zu Jahr. Zum Beispiel sollte die Tefilla eines Bachur in der Jeschiwa im 2. Jahr nicht die gleiche sein wie im 1. Jahr, denn auch im Lernen steht man nicht mehr auf der gleichen Stufe. Umsomehr im 3. Jahr, in dem man bereits fähig ist, Gelerntes vorzutragen, und vielleicht sogar schon eigene neue Gedanken in der Tora entwickeln kann. Da sollte doch auch die Tefilla bereits auf einer ganz anderen Stufe stehen und mit anderen Gefühlen und anderem Verständnis angegangen werden. Das Feuer sollte bereits im Innern lodern und den Menschen zu immer mehr Nähe zu HKB“H drängen.

Leider ist es aber nicht immer so. Wie traurig sieht unsere Tefilla aus, auch nach vielen Jahren der Arbeit in Tora.

Die Tefilla der Jugendjahre sollte doch nicht die gleiche sein, wie im vorgerückten Alter. Und sicher sollte sie nicht abnehmen. Weshalb besteht hier ein Unterschied? Weil man aus der Awodat Hatefilla kein Aufsehen macht. Man wird nur gedrängt, im Lernen weiterzusteigen – und dies ist sicher dringend notwendig. Die Einsicht der Notwendigkeit, bei der Tefilla voranzukommen, fehlt jedoch leider. Man gibt sich damit zufrieden, wenigstens die Worte einigermassen richtig gesagt zu haben. Dieser Aspekt ist bei Newuchadnezar angedeutet (Melachim 2 25), wo zweimal ein Ausdruck von Bajit – Haus steht, das verbrannt wurde. Einmal steht ‚das Haus von Haschem‘ und einmal ‚das grosse Haus‘. Darüber diskutieren Rabbi Jochanan und Rabbi Jehoschua ben Levi (Megilla 27). Einer sagt, dass ‚gross‘ sich auf die Steigerung der Tora bezieht (das Steigen in Lernen), und der andere sagt, es bedeutet Tefilla. Daraus ersehen wir, dass zwischen beidem kein Unterschied besteht. Denn so wie das Beit Hamidrasch ein Platz für das Steigen in Tora ist, so ist es das Beit Haknesset in Bezug auf Tefilla.

So sagten schon Chasal (Brachot 6): „Zu den erhabenen Dingen der Welt, die von den Menschen vernachlässigt werden, gehört die Tefilla.“

Es ist selbstverständlich, dass ein Mensch ohne Leiter nicht zu erhabenen Dingen emporsteigen kann, Wer nun täglich neben dieser Leiter steht, einen Bogen um sie herum macht und nur ab und zu einen sehnsüchtigen Blick nach oben wirft, der kann dies jahre- und jahrzehntelang tun, ohne auch nur die erste Stufe erklommen zu haben. Nur wenn er sich überwindet, von Stufe zu Stufe zu steigen, nur dann wird er sich von der Erde abheben können.

3.

Es gibt einen wichtigen Punkt, der oft missverstanden wird. Allgemein besteht die Ansicht, dass das Steigen in Tefilla hauptsächlich mit dem Steigen in Midot, Reinheit des Menschen, Keduscha und Nähe zu HKBH verbunden ist. Dies ist jedoch keinesfalls richtig. Sicher kann das eine das andere behindern. Ein Mensch, der in Midot gestiegen ist, kann wegen der Nachlässigkeit im Dawenen in einem gewissem Maß daran gehindert sein, weiterzusteigen.

Wenn wir uns hier jedoch mit dem Steigen in Tefilla beschäftigen möchten, dann sprechen wir vom Handwerk der Tefilla. Ein Handwerk lässt sich nur mit Konzentration und Zeitaufwand, mit viel Übung, schwerer Arbeit und Fingerfertigkeit lernen. So wie es beim Taurolernen auf diese erwähnten Punkte ankommt und nicht nur auf das Steigen in Midot, so ist es auch bei der Tefilla. Man muss intensiv daran arbeiten, bis die Wege der Tefilla dem Menschen in Fleisch und Blut übergehen und ein Teil seiner selbst werden.

Die Hauptsache bei der Tefilla ist das Gefühl, vor HKB“H zu stehen, und Seine wirkliche Nähe zu uns zu realisieren.

Wir müssen uns vorstellen, dass wir Haschem gegenüber stehen wie zwei Menschen von Angesicht zu Angesicht. Allein um diesen Gedanken in das gewöhnliche Vorstellungsvermögen einzupflanzen, benötigt es eine Gewohnheit. So wie auch die anderen drei Dinge, die im Mesillat Jescharim (Kap. 19) aufgeführt sind: „Um zur richtigen Ehrfurcht vor Haschem zu gelangen, soll ein Mensch Folgendes beachten und sich in Gedanken darin vertiefen: Erstens steht er direkt vor HKB“H und spricht mit Ihm, obwohl er Ihn nicht sehen kann. Sich dies richtig vorzustellen, ist eines der schwierigsten Dinge, denn hier gibt es nichts Konkretes, lrdisches, das diese Vorstellung erleichtert. Mit Verstand und Konzentration lässt sich die Vorstellung dennoch einprägen, dass man mit Haschem spricht, sich vor Ihm ausspricht, und etwas von lhm erbittet. Und HKB“H hört ihm zu, sozusagen wie ein Mensch dem anderen.

An der zweiten Stelle gilt es, sich in Gedanken in die Erhabenheit von HKB“H zu vertiefen, der über allem Irdischen und Geistigen steht.

Dann folgt der Gedanke der Demut. Man denkt daran, wie gering an Taten, körperlich begrenzt und durch Sünden verunreinigt und geschwächt man ist. Mit diesem Bewusstsein steht man sicherlich voller Demut und Ehrfurcht vor dem König aller Könige, erwähnt in den Tefillot Seinen Namen und hofft, von ihm angehört zu werden.“

Um dies zu erreichen, braucht es die Gewohnheit, sich ständig an diese Worte des Messilat Jescharim zu erinnern und darüber nachzudenken. Dies soll man solange tun, bis man zu Beginn jeder Tefilla automatisch diesen Gedanken hat. Ganz einfach: Jetzt stehe ich vor Haschem, gesegnet sei Er!!!

So ist es auch beim Toralernen. Durch eine zusätzliche Information öffnen sich dem Menschen in vielen Bereichen Tore des Verständnisses. Dasselbe trifft bei der Tefilla zu, weshalb der Mensch sich bemühen muss,die Awodat Hatefilla in allen Einzelheiten zu erlernen. Kleine neuen Gedanken und Erklärungen helfen ihm dabei, viele gute Tefillot dawenen zu können.

Nehmen wir dazu als Beispiel die Wiederholung der Schmona Esre.

Darüber gibt es eine Anmerkung in den Schriften von Ari S”L. Wenn man diese kennt, beachtet man der Tefilla ganz anders. Der Ari s“l erklärt dort, dass die Wiederholung der Schmauno Esre(nachf. Chasara genannt) eine viel größere Erhabenheit besitzt als die stille Tefilla. Darauf bezieht sich die Gemara (Broch. 32), die besagt, wer gedawent hat und nicht erhört wurde, solle nochmals dawenen. Der Wilnaer Gaon erklärt dazu, es sei die Wiederholung der Schmone Esre gemeint, denn in ihr liege die Kraft der Erhörung. Und in Brachot 8 bezieht sich die Gemara auf den Passuk, aus dem man erkennt, dass HKB“H eine kollektive Tefilla nicht verabscheut. Chasal erklären darauf, dass gerade die Chasara eine Tefilla beZibbur ist. Einen Hinweis dazu finden wir darin, dass die Schmona Esre zuerst still gesagt werden muss, und die Chasara (Wiederholung) laut.

Wir können diese mit einem Diamanten vergleichen.

Die stille Schmona Esre gleicht einem gewöhnlichen Diamanten, den man vor Dieben versteckt. Die Stufe der Chasara jedoch ist so erhaben, dass sie für Diebe, sprich schlechte Kräfte, gar nicht erreichbar ist. Denn auf dieser Stufe ist man dem König bereits so nahe, dass keine Gefahr des schlechten Einflusses mehr besteht. Diese gewaltigen Tefillot können direkt zum König aller Könige gelangen. Für viele von uns, denen diese information fehlt, ist die Chasara die Zeit, in der man sich in ein Sefer vertieft, um die „unnütze“ Zeit irgendwie zu verwenden. So können vielleicht 70 Jahre vorbeigehen, ohne dass man auch nur einmal bei der Chasara Kawono hatte. Und obwohl man auf die Brachot mit Omen antwortet, geschieht dies ohne jedes Gefühl, ohne Bezug auf die Bitten der Brachot. Dies geschieht aus reiner Unwissenheit, Mangel an Erziehung und Gewohnheit in diesem Detail der Tefilla und ihrer Möglichkeiten.

Man könnte dies mit einem Menschen vergleichen, der sich ein neues Auto gekauft hat.

Jahrelang benutzte er nur den 1. Gang, weil man ihm nie etwas von weiteren Gängen erzählt hatte. Er wusste nicht, dass die Geschwindigkeit erhöht werden kann, dass man mehr Kraft aus dem Fahrzeug herausholen kann. Er war stets der Meinung, dass die maximale Geschwindigkeit bei 20 km/h liegt. Ihm genügten seine geringen Kenntnisse über Automotoren. Er war zufrieden, sich auf diese Art und Weise schneller als zu Fuss fortbewegen zu können. Die Möglichkeit, das Auto auf 30 km/h zu beschleunigen, war für ihn bereits etwas Aussergewöhnliches. Jeder versteht, dass die effektive Kraft des Autos seinem Auge verborgen war, und all dies, weil Wissen fehlte, das mit Leichtigkeit hätte erworben werden können. Wieviel könnten wir demnach aus unseren Tefillot herausholen, wenn wir uns nur für diese zusätzlichen Informationen interessieren.

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