Der Brief über den Traum

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Traum

Am 4. Menachem-Aw 5305 (1545) verliess Boruch, ein wohlhabender Mann aus Saloniki, das Beit Din von Raw Jossef ben Lew SZL, bekannt wegen seines Werkes “Schu”T (Responsa) Mahar”i ben Lew”[2].

Saloniki
Saloniki

Boruch war wegen eines Din Tora beim Beit Din gewesen und war von den Dajanim für schuldig befunden worden.

Er war ein strenger, jähzorniger Mann und wollte das Urteil nicht akzeptieren.

Das Gebäude des Beit Din befand sich beim städtischen Marktplatz, ganz in der Nähe des Gewürzgeschäftes von Reb Awrohom Katalno SL. Als sich der berühmte Raw auf die Straße begab, ging Boruch auf ihn zu und gab ihm eine Ohrfeige. Alle Anwesenden hatten vor dem frechen, reichen Mann Angst und schwiegen. Es war niemand da, der die Ehre des Raw verteidigen würde. Sogleich zerriss der Raw seine Kleider und schrie aus: „שומו שמים!“ („Es staunen darob die Himmel!“)

Die Midat Hadin (die Eigenschaft des strengen Gerichts) von Haschem ließ nicht lange auf sich warten:

Noch in der darauffolgenden Nacht brach im Gewürzgeschäft von Reb Awrohom Katalno, vor dessen Geschäft der Raw geohrfeigt wurde, ein Feuer aus.

Heftige Winde trieben den Brand in alle Himmelsrichtungen und innerhalb von sechs Stunden fielen den Flammen 2000 Häuser zum Opfer. Darunter waren viele Synagogen, in denen tausende Sforim verbrannten. Ungefähr 200 Menschen kamen bei diesem Großbrand um.

Die Einwohner flohen überstürzt aufs Feld hinaus, aber auch dort erreichte sie der Zorn von Haschem: Das Feuer holte sie ein und verbrannte viele bei lebendigem Leibe.

Und es war immer noch nicht genug! Eine Seuche tobte unter den Einwohnern und raffte täglich hunderte Menschen dahin. Die Zahl der täglichen Opfer stieg so lange an, bis sie die Zahl 314 erreichte (Der Zahlenwert von ש-ד-י (eines der Namen G”ttes) ist 314). Von da nahm die Seuche stetig ab, bis sie gänzlich zum Erliegen kam.

Titelblatt des Sefer Hadrat Mordechai
Titelblatt des Sefer Hadrat Mordechai

Und was passierte mit dem Frevler Boruch, der den Mahar”i ben Lew (Abkürzung von Moirenu Haraw Jossef ben Lew) geohrfeigt hatte?

Die Antwort darauf gibt uns der „Brief über den Traum“. Bemerkenswert ist, dass dieser Brief aufs Jahr 5641 (1881) datiert ist, während die erwähnte Begebenheit im Jahre 5305 (1545), also 336 Jahre früher, geschehen war. Daraus kann man schliessen, dass die Neschama (Seele) von Boruch während all dieser Jahre keine Ruhe fand und für ihre schreckliche Tat, das öffentliche Beschämen eines Talmid Chacham (Torahgelehrten), büssen musste.

Raw Mordechai Rosenblatt (Reb Mottele Oschmianer) SZL
Raw Mordechai Rosenblatt (Reb Mottele Oschmianer) SZL

Der erbärmliche Zustand der schmachtenden Neschama änderte sich erst, als der Mahar”i ben Lew selbst Raw Mordechai Rosenblatt sl im Traum erschien. Raw Rosenblatt, Raw von Bitten, Aschmine und Slonim und Verfasser des grossen Werks Hadrat Mordechai, war ein Nachkomme von Boruch. Er war für seine herausragenden Kenntnisse der Tora und seine Heiligkeit bekannt. Viele wussten sogar Wunder von ihm zu erzählen.

Raw Jossef ben Lew erschien ihm im Traum und forderte ihn auf, etwas für den sündigen Vorfahren Boruch zu tun, damit dessen Neschama zu ihrer endgültigen Ruhe kommen möge.

Mit G”ttes Hilfe

Freitag, 28. Schwat 5641, hier in Bitten.

Zu Ehren meines nahen Freundes Haraw Pinchos Michoel, amtierender Raw in Antipolle.

Ich möchte Ihnen hiermit eine furchterregende Geschichte erzählen und bitte Sie, diese keinem Menschen weiterzuerzählen. Bitte bewahren Sie diesen Brief an einem für Andere unzugänglichem Ort auf oder zerreissen ihn, damit niemand etwas von seinem Inhalt erfährt.

In der Nacht zum Erew Jom Kippur war ich mit dem Lernen beschäftigt, als ich vom Schlaf übermannt wurde. Im Traum erschien mir ein herrlich aussehender Mann mit einem langem Bart. Ich schaute ihn ehrfürchtig an. Er packte mich und rief: „Warum schläfst du?! Stehe auf und rufe zu deinem G“tt!“

Ich wachte gleich danach auf, machte ich mir jedoch nicht allzu viel von diesem Traum.

Ich sagte mir, dass Träume keine Bedeutung hätten. Trotzdem wurde ich von einer grossen Furcht erfasst.

Als ich mich später ins Bett legte, erschien mir dieser Mann ein weiteres Mal im Traum und diesmal stand ein anderer Mann neben ihm. Beide zusammen schärften mir ein, dass dieser Traum wahr sei und ich ihn unbedingt einzuhalten habe. Ich war sehr verwundert und konnte keinen Laut hervorbringen. Daraufhin ergriff der schöne Mann, der schon im letzten Traum erschienen war, das Wort und mahnte mich: „Untersuche all deine Taten! Wissen sollst du, dass ich im Auftrage der himmlischen Welt zu dir erschienen bin.“

„Worin besteht denn der Auftrag, wegen dem Sie mir erschienen sind?“, fragte ich. Da ich im Traum laut gesprochen hatte, wachte ich davon auf und merkte, dass dies auch ein Traum war. Auch dieses Mal erfasste mich ein Zittern. Obwohl ich an die Wahrheit des Traumes nicht glaubte, konnte ich die ganze Nacht nicht mehr schlafen.

Am Jom Kippur weinte ich unaufhörlich. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viel geweint. Ich wusste den Grund dieses Weinens nicht.

Ich erklärte mir, dass dies mit meinem Traum zusammenhängen musste.

Am Schmini Azeret schlief ich wie gewohnt in der Sukka, da hatte ich wieder diesen Traum. Dieses Mal erschien mir der Mann weiss gekleidet. Sein Aussehen war sehr furchteinflössend. Er näherte sich mir und sagte: „Wisse, dass dein Weinen am Jom Kippur sehr viel geholfen hat. Man hat mich deswegen hierher geschickt dir mitzuteilen, dass du die Möglichkeit hast, die Gesera (himmlisches Dekret) aufzulösen.“

„Welche Gesera kann ich aufheben?“ wollte ich wissen. „Ich habe keine Ahnung von irgendeiner Gesera.“

Der Mann schwieg. Ungefähr eine Viertelstunde wartete ich vergebens auf eine Erklärung. Da begann ich zu weinen und wies darauf hin, dass ich keine Ahnung habe, welche Awera (Übertretung) ich begangen habe, dass man mir deswegen Gesandte von der himmlischen Welt schicke. Ich weinte so intensiv, dass ich davon aufwachte. Dieses Mal hatte ich gar keine Zweifel an der Echtheit des Traumes mehr.

Am Schmini Azeret war ich aussergewöhnlich fröhlich. Zeit meines Lebens hatte ich noch nie eine solche innere Freude.

Auch dies erklärte ich mir, dass es etwas mit dem Traum zu tun haben musste.

In der Nacht von Simchat Tora hatte ich wieder eine solche Erscheinung. Der Mann näherte sich mir und sagte: „Wie lange muss ich noch von meinem herrlichen Ort zu dir kommen?!“

Wiederum fragte ich: „Für welchen Auftrag bist du denn überhaupt zu mir gesandt worden? Im Verdienst aller Tannajim[3] und Amorajim[4], deren Worte ich gelernt und zu verstehen bemüht habe, verlange ich klar und verständlich den Inhalt des Auftrages erklärt zu bekommen.“

Daraufhin nahm er mich in ein herrlich geschmücktes Zimmer. Eine solche Pracht habe ich noch nie im Leben gesehen. Er wies mich an, mich zu setzen. Nachdem er sich mir gegenüber hingesetzt hatte, begann er: „Ich teile dir hiermit etwas Geheimes mit. Ich bin der Mahar”i ben Lew, der ehemalige Raw von Saloniki. Als ich noch auf der irdischen Welt lebte, hatten einst zwei Männer einen Din Tora bei mir. Ich erklärte einen von ihnen für schuldig. Der Schuldiggesprochene, ein einflussreicher, starker Mann, wollte das Urteil nicht akzeptieren. Ich musste ihn an die allgemein bekannten Konsequenzen erinnern, die für diejenigen gelten, die ein Gerichtsurteil nicht anerkennen wollen.“

„Als ich danach das Beit Din verliess und auf die Straße trat, kam der Schuldige auf mich zu und ohrfeigte mich. Dieses Vergehen ist bis zum heutigen Tage auf seinen Gebeinen eingraviert. Er leidet immer noch für seine schreckliche Tat. Unlängst kam das himmlische Gericht mit einem neuen Urteil: Der Raw von Bitten, ein Nachkomme von Boruch, soll für die Seele seines Vorfahren sühnen, damit sie an ihren richtigen Platz kommen kann.“

Ich schreckte von diesen Worten verwundert zurück.

Während ungefähr einer Viertelstunde war ich stumm wie ein Stein. Dann berührte mich der Mahar”i ben Lew am Munde und fragte mich nach dem Grund meines Schweigens. Ich sagte, dass ich nicht weiss, wie ich meinem Vorfahren zu Hilfe kommen könne.

Er antwortete: „Im Himmel wurde beschlossen, dass du dir mein Werk, die vier Bände der “Responsa Mahar”i ben Lew”[5], anschaffen sollst. Diese sollst du durchlernen, bis sie dir geläufig sind. Dann wird sich die sündige Neschama deines Vorfahren wieder erheben können und von einer Stufe zur anderen steigen können.“

Ich wollte wissen, was es bedeute von einer Stufe zur anderen zu steigen?

Mit weicher Stimme entgegnete er mir: „Warum willst du die Wege von Haschem wissen?!“

Auf meine zweite Frage, wie lange das Durchlernen seines Werkes dauern werde, antwortete er mir, dass dies vier Jahre nehme werde. Schliesslich dürfe ich dabei mein gegenwärtiges Lernprogramm in keiner Weise vernachlässigen.

„Ich besitze aber diese Sefarim nicht.“ wandte ich ein. – „Suche danach, du wirst sie kaufen können.“ bekam ich als Antwort. „Das eine darf ich dir aber offenbaren: Das himmlische Urteil war, dass du dieses Werk vom Antipoller Raw kaufen sollst.“ – „Warum gerade dieser Raw?“ wollte ich wissen und wachte erschreckt auf.

Ich schenkte dem Traum Glauben. Nur ein Detail wollte ich nicht akzeptieren, warum ich die Sefarim ausgerechnet beim Antipoller Raw kaufen muss. Deshalb nagten Zweifel an mir.

In der Zwischenzeit wurde ich durch die Pflichten meines Rabbinats von dieser Sache abgelenkt. Ich vergass den Kauf der Sefraim gänzlich. Zwar hatte ich nach einer Person gesucht, die mir diese besorgen würde, hatte aber niemanden gefunden.

Vor einigen Wochen kam mir der Mahar”i ben Lew nochmals im Traum und forderte streng:

„Mach schon! Kaufe endlich meine Tschuwot[6], damit ich meinen Auftrag erfüllt habe!“

Auf meine Antwort, dass ich bereits eine Person gesucht habe, die mir diese Angelegenheit erledige, erwiderte er mir: „Ich habe dir schon gesagt, dass du die Sefarim nur vom Antipoller Raw kaufen sollst!“

Ich wollte eine Erklärung dafür haben. Er antwortete mir in dieser Form: „Da du bei ihm Schimusch (praktische Lehre) für den Rabbinatsposten gemacht hast, bekommst du auch den Verdienst, einen Auftrag an ihn auszuführen. Auch gegen ihn liegt im Himmel eine Klage vor. Er beabsichtigte einmal, ein Werk über die Talmudtraktate Temura und Me’ila zu verfassen. … Leider setzte er seinen Vorsatz nicht in die Tat um. Nun aber kann er mit dem Geld, das er vom Verkauf der Schu”T Mahar”i ben Lew erhält, mit den Vorbereitungen für den Druck seines Sefers beginnen.“

„Warum lässt man den Antipoller Raw nicht direkt vom Himmel wissen, was er zu tun hat?“, fragte ich. Der Mahar”i ben Lew antwortete mir, dass dies ein himmlisches Geheimnis sei. Ich wurde nochmals gewarnt, dass ich sofort die vier Bände zu kaufen habe und es um Himmels willen nicht aufschieben solle. Vom Geschrei dieser Warnung wachte ich auf.

Zwar hatte ich fest im Sinn, Ihnen, Antipoller Raw, schon am darauffolgenden Tage einen Gesandten zu schicken, der Ihnen die ganze Angelegenheit erzählen wird, ich wurde jedoch durch dringende Gemeindeangelegenheiten davon abgehalten.

Letzte Woche schlief ich einmal schmerzerfüllt ein: Meine Frau war eben sehr schwer erkrankt. Wieder erschien mir der Mahar”i ben Lew und warnte mich streng: „Wisse, dass dies die letzte Warnung ist. Die Ursache der Krankheit deiner Frau ist einzig und allein, dass du den Kauf der Sefarim wieder aufgeschoben hast! Schicke unverzüglich jemanden zum Antipoller Raw, damit die Sache schnellstens erledigt wird. Beginne dann sofort mit dem Lernen meiner T’schuwot !“

Ich wachte zitternd auf. Ich fand den Überbringer dieses Briefes, welcher sowieso etwas bei Ihnen zu erledigen hat.

Nun, mein Lehrer, habt Erbarmen mit mir und schickt mir schnellstens die Schu”T Mahar”i ben Lew, damit ich mit dem Lernen beginnen und etwas für meinen Urahnen leisten kann. Das Leben meiner Frau ist in großer Gefahr. Ich werde jeden Preis, den Sie dafür verlangen, bezahlen.

Sein Schüler, der mit Tränen und von Herzen diese Zeilen schreibt.

Mordechai von Bitten

  1. “Und er (Mosche) sagte zum Bösewicht: warum schlägst du deinen Nächsten?”
  2. שו“ת מהר“י בן לב
  3. Weisen der Zeit der Mischna
  4. Weisen der Zeit des Talmuds
  5. שו“ת מהר“י בן לב
  6. Sammlung der Antworten auf halachische Anfragen, auch Responsae oder “Schu”T” (Schaalot uTschuwot) genannt

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