Wochenabschnitt Nizawim – Die Zwei Stufen der Teschuwa

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Teschuwa

אַתֶּם נִצָּבִים הַיּוֹם כֻּלְּכֶם לִפְנֵי ה‘ אֱלֹקֵיכֶם… כֹּל אִישׁ יִשְׂרָאֵל – „Ihr steht heute alle vor Haschem euer G’tt… jegliche Person des jüdischen Volkes“.

Im Midrasch wird Folgendes zu diesem Passuk zitiert: „Rabbi Elasar sagte: Wenn jemand versäumt hat, die Tefilat Mussaf zu beten, so soll er diese zusammen mit der Tefilat Mincha beten. Die Tefilat Mincha kommt jedoch in diesem Fall vor der Tefilat Mussaf, denn es ist gut, alles zu seiner Zeit zu verrichten (d.h. da jetzt die Zeit von Mincha ist, soll man zuerst diese Tefila dawenen)“[1].

Was hat diese Halacha mit dem erwähnten Passuk zu tun?

Jeder Monat im jüdischen Jahr hat eine spezielle Funktion und Aufgabe, durch die er sich von den anderen Monaten unterscheidet. So ist z.B. der Monat Nissan für die Ge‘ula (Erlösung) prädestiniert, der Monat Siwan ist für die Offenbarung der Torah und der Monat Tischri für die „Teschuwa“, usw. Aber die Teschuwa beginnt doch bereits im Monat Elul? Der Unterschied zwischen diesen beiden Monaten besteht in den zwei verschiedenen Arten oder Stufen der Teschuwa.

In den Sefarim haKedoschim wird erklärt, dass Haschem dem Menschen manchmal ganz plötzlich Reuegedanken eingibt, die ihn wieder zu seinem Schöpfer zurückbringen, wenn er sie ernsthaft berücksichtigt und danach versucht, die guten Vorsätze auch in die Tat umzusetzen. In den ‚Pirke Awot‘ sagen Chasal es: „An jedem Tag geht eine g’ttliche Stimme vom Har Chorew (Berg Sinai) aus und ruft: „Wehe den Menschen ob der Beschämung der Torah…“[2]. Der Ba‘al Schem Tov sZl. fragte, was diese Stimme eigentlich nützt, wenn sie doch niemand hört?

Er erklärte, dass diese Stimme jeden Tag im Herzen der Menschen Gedanken der Teschuwa und Besinnung hervorrufen.

Sie wird jedoch vom Mensch nicht immer gehört oder in die Tat umgesetzt! Wird aber auf diese Weise Teschuwa gemacht, so ist dies eine „von oben kommende Hit‘orerut“ (אִתְעַרוּתָא דִלְעֵילָא), eine geistige Erweckung, die vom Himmel bewirkt wurde.

Die andere und höhere Stufe ist es, wenn der Mensch von sich aus Teschuwa macht, ohne das er dazu aufgefordert wurde. Dies nennt sich eine „von unten kommende Hit‘orerut“ (אִתְעַרוּתָא דִלְתַתָּא), eine Erweckung, die aus eigenem Antrieb erfolgte.

Als Hkb“H die Welt im Monat Tischri erschuf, so war dies eine „Erweckung von Oben“, da es noch keine Menschen auf der Welt gab, die sich diese Gnade und Fülle mit ihren guten Taten aus eigenen Abtrieb verdient hätten. Nun gibt eine bekannte Regel, die so lautet: Wenn Haschem jemandem etwas Gutes schenkt, so währt dies für immer, so wie auch Er ewig besteht. Aus diesem Grund besteht auch diese im Monat Tischri der Menschheit geschenkte „himmlische Hit‘orerut“ für immer und wird Jahr für Jahr wieder gegeben. Daher verspürt jeder Jehudi im Monat Tischri Reuegedanken, die ihn zur Teschuwa bewegen sollen. Dies kann zu unterschiedlichen Zeiten geschehen, z.B. während „Tekiat Schofar“, oder bei der gewaltigen Tefilat „Nessane Tokef“ oder auch erst bei „Kol Nidrej“.

Die Aufgabe des Monats Elul ist aber, dem zuvorzukommen und die Teschuwa auf eine bessere Basis zu stellen, nämlich auf „Eigeninitiative“ – eine „Erweckung von unten“.

Daher bläst man schon im Elul Schofar, ohne dass man dazu von der Torah aufgefordert worden ist. Dies soll uns zum Versuch ermahnen, durch unsere eigenen Mühen ans Ziel zu gelangen.

Dies ist auch die Bedeutung des Passuk „Ani leDodi weDodi li[3], dessen Anfangsbuchstaben das Wortes Elul ergeben, wie Rabbi Jisrael Friedmann, der Tzortkover Rebbe sZl., erklärte: Hier wird angedeutet, dass es unsere Aufgabe ist, bereits im Monat Elul aus eigener Initiative Teschuwa zu machen, ohne auf die Aufforderung von Hkb“H zu warten. „Ani leDodi“ – ich kehre zuerst zu G‘tt zurück, noch bevor – „weDodi li“ – G‘tt sich mir zuwendet und mich dazu von oben aus auffordert.

Dies lehrt uns auch der zu Beginn zitierte Passuk:

Atem Nizawim haJom kulchem….“. Wie der Sohar haKadosch erklärt, wird mit haJom der besondere Tag von „Rosch Haschana“ gemeint. Am Jahresbeginn, im Monat Tischri, stehen alle Menschen vor Hkb“H und Er fordert alle dazu auf, Teschuwa zu machen. „לְעָבְרְךָ בִּבְרִית ה‘ אֱלֹקֶיךָ וּבְאָלָתוֹ(29,11) – den ganzen Klall Jisrael an seinen Bund und Schwur zu erinnern, den es beim Berg Sinai geleistet hat.

Deshalb raten uns Chasal im oben erwähnten Midrasch, da wir so oder so zur Teschuwa aufgefordert werden, damit nicht bis zum Monat Tischri, also bis Rosch Haschana oder Jom Kippur warten. Es wäre klüger, bereits im Monat Elul Initiative zu ergreifen und Teschuwa „von unten aus“ zu machen. Denn so wie jede Tefila ihre Zeit hat, und die Tefilat Mussaf das Minchagebet nicht verdrängen kann, wenn man bei der Zeit von Mincha angelangt ist, so hat auch jeder Monat seine eigene Funktion und Aufgabe, die nicht verschoben werden kann. Wer also nicht die Möglichkeit der eigener Teschuwa „von unten aus“ im Monat Elul ergriffen hat, kann dies nicht mehr im Monat Tischri machen, weil dann bereits die Zeit der „Erweckung von oben aus“ gekommen ist[4].

  1. Midrasch Dewarim Rabba 8,1. S.a. Berachot 28a
  2. Awot 6,2
  3. Schir haSchirim 6,3
  4. Gemäss Gedanken des R. Jisrael von Tschortkov in Ginsej Jisrael (P. Nizawim 5663)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here