Was bedeutet ‘Tu bi Schwat’?

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Schwat

Physische und geistige Erneuerung

Wie bereits ausführlich erklärt, beginnen die Bäume am 15. Schwat mit der Bildung von neuem “Baumsaft” (‘Sraf ha’Ilan’ – Harz). Dieser Zeitpunkt ist somit der Beginn der Entstehung ihrer Blüten und Früchte (חנטה), der von der Mischna als ”Rosch haSchana der Bäume” bezeichnet wird und ein wichtiges Datum für viele Halachot darstellt (siehe BJ Nr. 37).

Dies gilt aber nicht nur für das Wachstum der neuen Blätter und Früchte eines Baumes, also des irdischen Vorteils des Menschen (Gaschmi’ut). Bekanntlich ist alles Materielle an das Geistige (Ruchaniut) gebunden[1]. Deshalb wird in den Sefarim haKedoschim erklärt, dass am ”Tu biSchwat” ebenso dem Menschen das am vergangenen ‘Rosch haSchana’ zugeteilte ”geistige Wachstum”, der Beginn und Entfaltung seiner neuen Kräfte in seiner ”Awodat Haschem” (G’ttesdienst) und Verstehen der Torah etc gegeben wird.

So schreibt der Chidusche haRim sZl.[2], dass am 15. Schwat dem Menschen alle seine ”Chidusche Torah” übergeben werden, die er dieses Jahr lernen, verstehen und erneuern (mechadesch) wird. So wie die Bäume sich ab diesem Zeitpunkt vom neuen Regenwasser ernähren, so beginnt im Menschen die mit Regen und Wasser verglichene Torah[3], die ihm am Rosch haSchana für dieses Jahr zugeteilt wurde, ihre Wirkung zu entfalten. Ki ha’Adam Ez haSadeh” (Dewarim 20,19), denn der Mensch ist mit einem Baum verglichen.

In diesem Sinn erklärt er die Meinungsverschiedenheit zwischen ‘Bet Schamai’ und ‘Bet Hilel’ über das Datum des Rosch haSchana der Bäume, ob dies am 1. oder am 15. Schwat sei:

Da ‘Bet Schamai’ die schärferen Köpfe waren, entfaltete sich bei ihnen das neue Verständnis der Torah vor ‘Bet Hilel’ bereits am ersten Schwat. Am ersten Schwat hat auch Mosche Rabenu mit der ”Mischne Torah” begonnen, der Wiederholung und Erklärung der ganzen Torah zum Klall Jisrael vor seinem Ableben (Dewarim 1,5). Da die Halacha nach ‘Bet Hilel’ entschieden wurde, repräsentieren sie die Allgemeinheit, deren Entfaltung und neues Wachstum (‘Chanata’) erst am 15. Schwat beginnt.

‘Bet Schamai’ hingegen repräsentieren die aussergewöhnlichen Persönlichkeiten Jisraels und die ”Gedole haDor” (‘Grössen der Generation’), bei denen es bereits am ersten Schwat beginnt, da sie ein feineres Gespür als die Allgemeinheit besitzen. Dies bezieht sich hauptsächlich auf das Verstehen und Erfassen der ”Torah schebe’al Peh” (Mündliche Lehre). Denn bisher lehrte Mosche Jisrael nur die die ”Torah schebichtaw” (Schriftliche Lehre), am ersten Schwat begann er dann mit der Überlieferung der mündlichen Lehre.

Die schriftliche Torah gleicht einem Baum, die mündliche Torah ist wie die Zweige und Früchte des Baumes, die aus der schriftlichen entstehen, wachsen und ihre Kraft ziehen.

Ebenso symbolisiert der Regen bekanntlich das Herunterkommen jeglicher g’ttlichen Fülle (Schefa), die der Mensch zum Leben benötigt, sei sie materieller Natur wie Parnassa (Wohlstand), Kinder oder Gesundheit oder der geistigen Ernährung für die Seele. Alles, was dem Menschen zwischen ‘Rosch haSchana’ und ‘Schemini Azeret’ bestimmt wurde, entfaltet seine Kraft am ”Tu biSchwat”. Deshalb heißt der Monat שבט, eine Andeutung auf die Entfaltung der ”Schiwte Jisrael”, die Stämme Jisraels, deren Leben und Kraft sich in diesem Monat neu entfaltet und gedeiht. שבט ergibt zudem die Anfangsbuchstaben von: ש’לום, ב’רכה, ט’ובה (Schalom, Beracha und Towa – Frieden, Segen und Gutes)[4].

So bezeugte der Gaon Rabbi Awraham Bornstein sZl., der erste Rebbe von Sochatschov und Verfasser des ”Awne Neser” (gest. 5670/1910) von sich, dass er jedes Jahr nach Tu biSchwat eine Änderung in seinen ‘Chidusche Torah’ verspüre![5]

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Irdisches in Ruachaniut umwandeln

Der Erhalt frischer Kräfte am ”Tu biSchwat” zeigt dem Menschen die enge Verbundenheit zwischen der ”Awodat Haschem” und den irdischen Früchten dieser Erde – dem ”Gaschmijut”. So wie Mosche Rabenu es bereits ausdrückte: Die himmlischen Mal’achim (Engel) können die Torah und deren Mizwot nicht erfüllen oder praktizieren, sondern nur Menschen, die auf der Erde leben”[6]. Nur wir, die ständig mit dem ‘Gaschmijut’ (Materiellen) dieser Welt verbunden sind, können die Mizwot richtig erfüllen. Denn ihr Zweck ist es, den Jehudi zu lehren, wie er sich, seine Gelüste und seine Umwelt – alles Gaschmiut (Irdische) zu Ruchaniut (Geistigen) umwandeln kann![7]

Einmal jährlich G’tt für alle Früchte danken

Außerdem spiegelt sich in den herrlichen Bäumen und Pflanzen, die nahr- und schmackhafte Früchte hervorbringen, die Größe von Haschem wider. Wenn man also von den Früchten isst und eine Beracha spricht, lobt und preist man damit G’ttes Grösse. Deshalb wird im Jeruschalmi im Namen von Raw folgender Ausspruch zitiert: Der Mensch wird später über alles (Früchte) Rechenschaft ablegen, das er sah und nicht probiert hatte. Als Rabbi Elieser diese Worte vernahm, ging er stets mit Kleingeld in der Tasche herum. So konnte er, sobald er eine neue Frucht sah, sie sofort (wenigstens einmal im Jahr) kaufen”[8]. – Wer aber all diese wunderbaren Dinge, die Haschem eigens für die Ernährung des Menschen geschaffen hat, sieht und sie dennoch ignoriert, versäumt eine Möglichkeit, G’ttes Größe anzuerkennen und Ihn zu loben und dafür zu danken![9]

So erklärt dann der Meschech Chochma den folgenden Passuk (Bereschit 2, 16): Haschem G’tt befahl dem Adam wie folgt: Von allen Bäumen des Gartens sollst du essen”. Was für ein Befehl wurde dem Menschen hier erteilt? Es ist eine Mizwa, dass der Mensch von alle Früchten probiert, die Haschem eigens für ihn geschaffen hat, damit er darüber Haschem lobt und Ihm dankt”.

Deshalb muss vor dem Genuss einer Speise eine ”Beracha” (Segensspruch) gesagt werden, da man sonst, so die Worte von Chasal, „Hkb”H und Knesset Jisrael bestohlen hat”[10].

Hkb”H – da man Diesem das Ihm gehörende Lob vorenthält[11] und Jisrael, da uns Haschem unsern Dank und Lob an Ihn in Form von Qualität und Fülle der Früchte zurückgibt. Wird aber ohne Beracha von den Früchten dieser Welt gegessen, fehlt diese Beracha später beim Gedeihen der zukünftigen Früchte[12].

Eine andere Erklärung lautet, dass wenn man Haschem vor dem Genuss aller Speisen dieser Welt lobt, erkennt man damit an, dass das Gedeihen der Bäume und Pflanzen kein von Natur aus eigenständiges System ist, sondern alles von G’tt geführt und kontrolliert wird. Wer also keine Beracha spricht, nimmt sozusagen Hkb”H die Herrschaft über deren Wachstum weg und überlässt sie dem natürlichen Lauf der Dinge. Dies könnte, ‘chalila’ (G’tt behüte), dazu führen, dass Haschem laut der Regel der ‘Mida keneged Mida’ (dass Hkb”H ‘Gleiches mit Gleichem’ vergilt) das Gedeihen der Früchte Seiner besonderen Kontrolle (‘Haschgacha Pratit’) entzieht und sie unter die Herrschaft der Natur und Himmelsgestirne stellt (‘Haschgacha Kllalit’)[13].

Der Sinn von ”Tu biSchwat” ist daher (wenigstens) einmal im Jahr G’tt für die vielen, guten Früchten zu loben und zu danken, die Er in jedem Jahr neu wachsen lässt, so wie dies der oben erwähnte Rabbi Elieser praktizierte[14].

  1. Chowat haLewawot (Scha’ar haBechina Kap.3) u.a.
  2. Rabbi Jizchak Meyer Rottenberg-Alter, der erste Gerrer Rebbe sZl. (Góra Kalwaria in Polen, gest. 5626/1866)
  3. Baba Kama 17a, Midrasch Dewarim Rabba 7,3 u.a.
  4. Siehe ausführlich Chidusche haRi”m (15. Schwat)
  5. Schu”t Erez Zwi (- Frommer, Bd2/S.345)
  6. Schabbat 88b
  7. Sefarim haKedoschim
  8. Jeruschalmi Ende Kiduschin, wird zitiert in Mate Mosche (359), Magen Awraham (zu Schu”A O”Ch 225,14), Aruch haSchulchan (O”Ch 225,1 und 5) und Mischna Berura (19)
  9. Pne Mosche und Korban haEjda zu Jeruschalmi (ibid.). Siehe auch in Ture Sahaw (Ta”s zu Schu”A O”Ch 227,2) im Namen des Taschbe”z (320).
  10. Berachot 35b
  11. Raschi zur Stelle
  12. Maharsch“o zu Berachot 35a und Sefer Pri Ez Hadar wird im Sefer Nite Gawriel zitiert (Tu biSchwat 2,1)
  13. Raschb”o in Chidusche Aggadot (Berachot ibid.)
  14. Gemäss Aruch haSchulchan (O”Ch 225,5)

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