Tora

Datum: | Autor: Rav Schlomo Wolbe | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Tora
Raw Schlomo Wolbe SZL wurde 1914 in Berlin geboren. Er lernte in der Jeschiwa Mir in Polen und wurde naher Schüler des großen Maschgiach Raw Jerucham Leiwovitz SZL. Raw Wolbe war einer herausragende Mussar-Persönlichkeit seiner Generation, der viele Schüler großzog.

Welt voller Rätsel; der Mensch — voller widersprechender Kräfte, aufbauende, zerstörende. Sein Leben — eingespannt zwischen Geburt und Tod, und er weiss um seinen Tod, als einziger unter allen Lebewesen. Unermesslich sind die Schätze der Erde, die er entdeckt, gehoben, verwertet hat, ob zum Glück oder zum Verderben? Mannigfaltig die Formen menschlichen Zusammenlebens: Eltern — Kinder, Mann und Frau, Nachbarn, Kunden, Kollegen, Konkurrenten; Freunde und Gegner. Die menschliche Gesellschaft baut Dorf,Stadt, Staat, Staatenbund. Das zwischenstaatliche Geschehen bewegt sich zwischen Friede und Krieg.

Ungelöste Fragen und Spannungen überall …

Wir wissen schon: die Welt hat einen Schöpfer. Und der Schöpfer, der alles erdacht, sollte keine Anweisung gegeben haben, wie zu leben? Wie die Kräfte zu nützen, die er schuf? Wie zu begegnen Dingen, Zuständen, Geschehnissen? Ja, er gab Tora! Sie lehrt, wozu Kräfte zu nützen, wie Zustände zu meistern, auch die kompliziertesten. Sie weist jedem Ding seinen Ort und seine Zeit, jeder Kraft ihr Wirkungsfeld. Das ist die Halacha; sie tut es genau, kein Zuviel, kein Zuwenig. WirJuden waren ihrer bereit, so wurde sie nur uns gegeben. Aber der Schöpfer sorgt für Alle: sieben Gebote bekam Noah, gültig für alle Menschen — das sittliche Minimum menschlicher Existenz: Verbot von Götzendienst, Mord, Unzucht, Raub, G“tt fluchen, Essen vom lebendigen Tier und Gebot der Rechtsprechung (Talmud Sanhedrin 56b). Das jüdische Volk erhielt die ganze Tora.

Die Krönung und Sinngebung der Schöpfung ist die Offenbarung am Sinai, die Ubergabe der Tora an uns.

Schöpfung und Offenbarung, Natur und Tora bilden eine Einheit. In der Sprache von Chasal lautet es so:

Die Tora ist gross. Ohne sie haben Himmel und Erde keinen Bestand — der Prophet sagt: ‚Wenn nicht Mein Bund von Tag und Nacht (die Tora, Tag und Nacht gelernt) — das Naturgesetz von Himmel und Erde hätte Ich nicht geschaffen!“ (Talmud Nedarim 32a)

Das Instrument, mit dem die Tora Probleme des Lebens löst, heisst: Halacha. Das sind Gesetze,natürlich. Aber das Wesentliche der Halacha ist, wie sie zur Aufstellung der Gesetze kommt. Es sind eben nicht Befehle, die von Oben diktiert, dann nur zum Kodex zusammengefasst wurden. Halacha ist vor allem eine Denkschule, die an feinster Logik, tiefster Ethik und unbedingter Wahrheitssuche ihresgleichen nicht hat. Ein Erlebnis ist es, eine Stunde Talmud zu „lernen“. Da geht dem Neuling auf, was der Ramban, des Rambams ebenbürtiger Antipode, kurz formuliert: „Toralernen heisst ihrer G“ttlichkeit inne werden. (Anmerkung des Rambans zu den Verboten §2 in: Sefer HaMizwoth des Rambams)

Die Gemara dringt ein in die nüchternsten Fragen des Alltags.

Unglaublich, wie dann oft ein Wort der schriftlichen Tora aufleuchtet, das beim Lesen kaum beachtet wird, und daraus Konsequenzen gezogen werden für das praktische Handeln. Das Wesentliche im Talmud ist die Denkmethode, die es an Exaktheit mit jeder Wissenschaft aufnimmt. Diese Methode beherrschen zu lernen heisst — „Lernen“. Dabei geht es nicht nur um genaue Begriffsbestimmungen. Man wird immer wieder hingerissen von der Klugheit im Verstehen der Welt und der menschlichen Natur. Sind die Juden eines der klügsten Völker, so waren es Chasal in höchster Potenz.

Aber da ist mehr als Klugheit. Das alle Gebiete des Lebens Umfassende, die ungeheure Tiefe, die Einheit des Talmud mit der schriftlichen Tora, fussend auf nie abgerissener Tradition — überall schimmert da ein G“ttliches durch. Wir sprachen vom „Erlebnis“ des Talmud-Lernens. Damit ist nicht nur ein verstandsmässiges Erstaunen gemeint. Jeder, der „lernt“, weiss, dass sein Denken reiner wird, unsaubere Regungen seltener werden und höhere sich melden, die er bis dahin nicht kannte. Das ist nicht „Religion“, ist weit von „religiöser Zeremonie“ — das ist eine neue Art Leben. Das meint der Ramban mit dem Wort „Lernen heisst der G“ttlichkeit innewerden“, und das mitten in den Problemen des täglichen Lebens. Es ist ein Hineinleuchten g“ttlicher Gerechtigkeit und Milde in alle Dinge des Alltags.

Das ist Torat Chajim – „Lebens-Tora“

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