Der Schwiegersohn des Raw

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Raw

Bevor Haraw Jecheskel Segal-Landau SZL, Verfasser der Werke Noda BiJehuda und anderer Werke, Raw in Prag war, hatte er dieses Amt in der ukrainischen Stadt Jampil inne. Unter gewaltigem Einsatz führte er die Angelegenheiten der Gemeinde. Ganz speziell kümmerte er sich um die Armen und finanziell Schwachen.

Um ihnen zu helfen, gründete er einige wohltätige Institutionen, die sie unterstützten.

Haraw Jecheskel Segal-Landau SZL, Verfasser der Werke Noda BiJehuda
Haraw Jecheskel Segal-Landau SZL, Verfasser der Werke Noda BiJehuda

Um diese Institutionen zu unterhalten, benötigte der Raw, der all diese Hilfswerke leitete, viel Geld. Dieses bekam er von den wohlhabenden Mitgliedern seiner Gemeinde.

Nicht alle schätzten die grossen Taten des Raw. Sie verstanden nicht, dass gerade die Mizwa der Zdaka (Wohltätigkeit) sie vor allerlei Unheil und Schaden schützte.

Einmal geschah etwas sehr Schlimmes und dieser Fall kam vor den Raw. Dieser gab ein hartes Urteil: Die Frau eines der vornehmsten Mitglieder der Gemeinde musste sich von ihrem Manne scheiden lassen. Der Mann hatte keine andere Wahl, als dem Urteil des Raw zu folgen. So kam eine langjährige Ehe zu ihrem Ende.

Die Gemeinde war in Aufruhr.

Diese Entscheidung brachte dem Raw die offene Feindschaft mancher Mitglieder ein. Vor allem die Reichen schlossen sich gegen den Raw zusammen. In der darauffolgenden Gemeindeversammlung wurde beschlossen, den Raw seines Amtes zu entheben. Drei Mitglieder nahmen es auf sich, dem Raw die Kündigung zu übergeben.

Sehr bald führten sie ihren Plan aus und begaben sich zum Raw.

Vor ihm stehend begann der Frechste: „Der Raw möge wissen, dass wir es satt haben, solche Unsummen für seine Institutionen bezahlen zu müssen. Auch geht es uns sehr nahe, wie eines der vornehmsten Mitglieder unserer Gemeinde vor aller Öffentlichkeit beschämt wurde. Wir haben daher beschlossen, den Raw per sofort zu kündigen.“

„Nicht nur von uns kommt die Kündigung, wir sprechen im Namen der ganzen Gemeinde.“ pflichtete der Zweite bei, während der Dritte mit dem Kopfe nickte.

„Ihr seid zur rechten Zeit gekommen.“ antwortete der Raw und zog ein Dokument aus der Schublade hervor. Dann fuhr er fort: „Diesen Vertrag hat mir die Prager Gemeinde gesandt, damit ich bei ihnen Raw werde.“

„Euer Willen geht somit in Erfüllung, ich werde Euch verlassen. Weil Ihr aber dabei eine schlechte Absicht hattet und die Ehre der Tora verletzen wolltet, entgeht Ihr Euer verdienten Strafe nicht.“

Zum Ersten sagte der Raw: „Dir rate ich, deine Zawa’a (Testament) zu schreiben. Innert kürzester Zeit wirst Du eines unnatürlichen Todes sterben. Und du“, der Raw schaute den Zweiten an, „wirst bald dein ganzes Vermögen verlieren.“

Dann blickte der Raw den dritten Mann an und sprach: „Dir wird bald ein Sohn geboren werden, dessen Scharfsinn alle in Staunen versetzen wird. Am Tage seiner Bar Mizwa wird er seiner Religion den Rücken kehren und zu einem anderen Glauben übertreten.“

Beschämt verliessen die drei Männer das Haus des Raw.

Das Urteil des Raw ging bereits zwei Wochen nach dessen Umsiedlung nach Prag in Erfüllung. Der Erste fuhr in einer Kutsche über eine Brücke. Das Gefährt kippte. Der Mann stürzte dabei so heftig, dass er auf der Stelle tot war.

Alter jüdischer Friedhof in Jampil
Alter jüdischer Friedhof in Jampil

Auf dem Gut des Zweiten brach ein verheerendes Feuer aus, das ihn über Nacht an den Bettelstab brachte.

Etwas länger ging es beim Dritten. Noch innerhalb der Jahresfrist wurde ihm ein Sohn geboren. Mit gemischten Gefühlen nahm er diese Nachricht auf, wusste er doch nur allzu gut, was die Zukunft bringen werde.

Der Neugeborene entwickelte sich sehr rasch.

Mit drei Jahren begann er das Alefbet zu lernen. Bereits nach ein paar Tagen konnte er schon fliessend lesen. Er war den anderen Kindern um vieles voraus. Obwohl diese vor ihm mit dem Lernen begonnen hatten, überholte er sie innert kurzer Zeit mühelos.

Im Alter von sechs Jahren beherrschte er schon einen beachtlichen Teil des Schas (Talmud). Sein aussergewöhnlicher Scharfsinn lenkte die Aufmerksamkeit der Umgebung auf ihn. Nicht nur in Jampil staunte man über das junge Genie, bereits in den umliegenden Ortschaften hatte man von ihm gehört.

Mit der Zeit merkte er, dass sich seine Eltern über seine Erfolge überhaupt nicht freuten.

Einige Male hatte er versucht, die Wahrheit aus ihnen herauszubekommen, sie wichen seinen Fragen allerdings immer aus. Bis an jenem Abend, als sie seinem Druck nicht mehr standhalten konnten. Mit Tränen in den Augen lüfteten sie schliesslich das Geheimnis und erzählten ihm vom Fluche des ehemaligen Raw. Auch enthielten sie ihm nicht vor, dass die beiden ersten Mitglieder ihre Strafe schon bekommen hätten und sie selbst nun an der Reihe seien. Deshalb konnten sie keinen Anteil an seinen Erfolgen nehmen, wenn sie die ganze Zeit Angst haben mussten, dass sich ihr Sohn am Tage der Bar Mizwa „schmaden“ (zu einer anderen Religion konvertieren) werde.

Der Junge war von der Erzählung seiner Eltern ganz überwältigt. Nach einem mehrminütigen Schweigen sagte er schliesslich: „Ich möchte Euch einen Vorschlag machen. Ich möchte an einem fremden Ort lernen gehen. Vielleicht wird mich das Lernen davor bewahren, dem Glauben meiner Vorfahren untreu zu werden. Sollte der Fluch des Raw aber dennoch eintreffen, werdet Ihr in der Ferne davon nichts hören. So wird Euch viel Leid erspart bleiben.“

Den Eltern leuchteten die klugen Worte ihres Sohnes ein.

Sie packten ihm seine Sachen und verabschiedeten sich schweren Herzens von ihm. Der Junge war nun ganz auf sich gestellt. Auf seiner Wanderschaft durchquerte er viele verschiedene Städte und Dörfer, bis er nach ein paar Monaten in Prag ankam. Er hatte von der grossen Jeschiwa (Talmudhochschule) gehört. Nun wollte er, trotz seines jungen Alters, in ihr aufgenommen werden.

Der Raw runzelte die Stirne, als er von der komischen Bitte des Jungen vernahm. In seiner Jeschiwa lernten nur erwachsene Bochurim, gab er dem Jungen zu verstehen. Dieser gab aber nicht auf und flehte den Raw an, seine Talmudkenntnisse zu prüfen.

Der Raw begann, ein leichtes Thema anzuschneiden.

Der Junge hielt wunderbar mit. So gingen sie langsam zu schwereren Partien über. Auch hier konnte der Junge sein Können unter Beweis stellen. Als der Raw nun eine schwere Sugija (Themeneinheit im Talmud) anschnitt, wurde er vom Scharfsinn des Jungen ganz überrascht. Ohne zu zögern nahm er den Jungen in die Jeschiwa auf. Die Mahlzeiten durfte der Knabe beim Raw selbst einnehmen.

Der neue Schüler lebte sich sehr schnell ein.

Er gab sich dem Lernen mit unermüdlichem Fleisse hin. Seine tiefen Fragen und Erläuterungen versetzten so manchen in Staunen. In Prag wurde man auf ihn aufmerksam. Die ersten Heiratsanträge kamen, als der Knabe zehn Jahre alt wurde. Da er sich vor der Aufnahme als Waisenkind ausgegeben hatte, war es der Raw, welcher jedes Angebot überprüfte. Viele Rabonim wünschten sich den Kleinen als Schwiegersohn. Der Raw lehnte aber alles ab.

Eines Abends kam die Rebbezin mit einem Vorschlag: „Du siehst doch selbst, wie viele Leute den hervorragenden Jungen als Schwiegersohn haben möchten. Warum nehmen wir ihn dann nicht für unsere Tochter?“

„Richtig“, antwortete der Raw, „auch ich habe schon mit diesem Gedanken gespielt. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mit ihm darüber sprechen.“ Der Junge gab sogleich sein Einverständnis. Ein paar Tage darauf wurde in engem Kreise die Verlobung gefeiert.

Der Termin der Chatuna (Hochzeit) wurde auf den Tag nach seiner Bar Mizwa gelegt.

Der Bochur lernte in der Jeschiwa mit gewaltigem Fleisse weiter. Die Zeit verging im Flug. Im Hause des Raw begann man mit den Vorbereitungen zur Hochzeit. Einladungen wurden verschickt. Auch die Gemeinde von Jampil wurde zum grossen Ereignis eingeladen.

Trotz der grossen Entfernung wurden Gesandte ausgewählt, die ihrem früheren Raw die besten Glückwünsche überbringen sollen. Auch ein Geschenk für den Chatan (Bräutigam) nahmen sie mit. Nach einer langen Reise kamen sie schließlich in Prag an. Dem Raw überbrachten sie die Glückwünsche der Gemeinde und gaben der Braut das Geschenk. Auch nutzten sie die Gelegenheit und lernten den Chatan kennen. Sie bekamen von ihm ein paar Divrej Tora (Worte der Tora) zu hören.

Als sie wieder auf dem Heimweg waren, tauschten sie ihre Eindrücke aus.

Einer sagte, dass ihm das Gesicht des Chatans bekannt vorkomme. Er könne sich aber nicht besinnen, woher er ihn kennen würde.

Da ging einem Zweiten ein Licht auf. Er rief aus: „Natürlich, das ist doch der Sohn jenes reichen Mannes, auf welchem der Fluch unseres ehemaligen Raw haftet, dass sich sein Sohn am Tage der Baz Mizwa „schmaden“ werde!“ Die anderen bestätigten diese Vermutung. Das musste man natürlich dem Raw sofort mitteilen. Um ihre Annahme wirklich zu bestätigen, wollten sie zuerst noch einmal mit dem Chatan sprechen.

Als sie ihn nochmal besuchten, sagten sie: „Wir möchten Dir herzliche Grüsse Deiner Eltern in Jampil überbringen.“ Der Chatan geriet in starke Verlegenheit. Stotternd fragte er: „Wi… wissen meine Eltern von… von meinem… Glück?“ „Nein, sie haben keine Ahnung. Es geht ihnen gut.“ antwortete die Gesandtschaft und verabschiedete sich von ihm. Alle Zweifel waren ausgeräumt.

Nun mussten sie dem Raw davon erzählen.

Als der Raw davon hörte, wurde er ohnmächtig. Wieder zu sich kommend, murmelte er einige Male: alles, was Haschem macht, ist für Seine Ehre.)“ Die Gesandtschaft sah, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatte. Leise verließen sie den Raw und machten sich auf den Heimweg.

Der Raw verlangte, alleinegelassen zu werden. Er sperrte die Türe zu und überlegte fieberhaft. Erst einige Stunden danach öffnete er sie wieder. Er wies seine Familie an, die Hochzeit um vier Wochen zu verschieben. Da viele Einladungen bereits verschickt waren, liess man das neue Datum der Hochzeit bekanntgeben.

Der Keller der Jeschiwa wurde gründlich gereinigt. Dann wurde ein Handwerker bestellt. Dieser brachte am Kellerfenster starke Eisenstäbe an. Auch die Holztüre wurde von eine starke Eisentüre ersetzt.

Am Abend des Tages der Bar Mizwa wurde der Chatan dorthin gebracht.

Drei kräftige Männer mussten den Eingang bewachen. Der Raw hatte sie angewiesen, den Chatan unter keinen Umständen aus dem Keller fliehen zu lassen.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Sonnenaufgang, war dort der Teufel los. Der Chatan wollte mit aller Kraft ausbrechen. Er rüttelte an den Gitterstäben, lief zur Türe und versuchte durch sie ins Freie zu kommen. Aus Leibeskräften schrie er: „Warum habt Ihr mich hier eingesperrt?… Was habe ich denn getan???!!!… Lasst mich sofort raus!… Ich habe das Bedürfnis, ein bisschen Luft zu schnappen!…“

Die Männer mussten mit all ihre Kraft einsetzen, um den unreinen Kräften, die im Chatan tobten, Einhalt zu gebieten. Sie mussten sogar Verstärkung herbeirufen. Den ganzen Tag waren sie mit diesem Kampf beschäftigt. Endlich, als es dunkelte, wich der unreine Geist von ihm.

Der Chatan beruhigte sich ganz plötzlich.

Er warf sich zu Boden und begann bitterlich zu weinen. „Oj weh“, schrie er, „was habe ich da nur machen wollen?!… Ich war ja auf dem Wege, mich zu schmaden. Wehe meiner Seele!“

Den ganzen Tag hindurch hatte der Raw gefastet und gedawent (gebetet), dass alles erfolgreich verlaufen möge. Am Abend zog er Talit und T’filin aus und begab sich zum „Kerker“ der Jeschiwa, wo er den Chatan ohnmächtig am Boden liegend vorfand.

„Baruch Haschem (G“tt sei Dank) ist der unreine Geist weg. Der Fluch ist somit aufgehoben“, stellte er strahlend fest. Den Chatan liess er in sein Zimmer tragen, um dort gesundgepflegt zu werden. Ein paar Tage musste der Chatan das Bett hüten. Jetzt wurden auch die Eltern benachrichtigt. Zur Hochzeit, die vier Wochen darauf stattfand, kamen auch sie.

Nun war die Freude vollkommen.

Das Titelblatt von Noda Bihuda
Das Titelblatt von Noda Bihuda

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