Wochenabschnitt Wajeschew – Eifersucht und Bruderhass zwischen den Söhnen Jakovs?

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Hass

Wer die tragische Geschichte von Josef und seinen Brüdern liest, kommt nicht umhin, sich Fragen über das Verhalten der Brüder Josefs und wie sie mit ihrem Neid und Hass auf Josef umgingen, zu stellen.

Wirft man aber einen Blick auf die Worte unserer Weisen sl., so erhält man jedoch einen ganz anderen Blick auf die Geschichte der „Mechirat Josef“ (‚Josefs Verkauf‘).

Im Passuk heißt es (Tehilim 66,5): „Geht und schaut das Wirken von G’tt, נורא עלילה, wie fürchterlich sind Seine Handlungen über die Menschensöhnen“. Der Midrasch interpretiert das Wort „Alilah“ nicht nur mit Handlungen, sondern auch mit Verleumdungen/Beschuldigungen. G’tt führt das Geschick der Menschen durch verschiedene „Handlungen“ und manchmal gar durch „Beschuldigungen“, damit schlussendlich das von Anfang an geplante G’ttesziel erreicht wird, auch wenn dies manchmal über viele verschiedene Umwege führt. Der Midrasch beweist diese Erklärung anhand verschiedener Beispiele:

„Bereits am ersten Tag der Schöpfung schuf G’tt den Mal’ach haMawet (Todesengel), den Menschen erst am sechsten. Doch dann wurde er mit einer „Alilah“ konfrontiert, so dass er praktisch selbst daran schuld war, dass „der Tod“ auf die Erde kam, als er von der Frucht des verbotenen Ez haDa’at (Baum der Erkenntnis) aß, wie es heisst (Bereschit 2,17): „Am Tag, an dem du davon geniessen wirst, machst du dich todesschuldig/sterblich“. Ebenso sagte Haschem Mosche Rabenu voraus, dass er die Eroberung von Erez Jisrael nicht selbst miterleben wird. Später aber wurde dem Mosche selber die Schuld daran gegeben, dass er nicht nach Erez Jisrael eintreten darf, weil er den Stein geschlagen hatte.

So war es auch bei Josef und seinen Brüdern:

Hkb“H wollte, dass Jakov und die Bne Jisrael nach Mizrajim kamen, um die ‚Gesera‘ (Bestimmung) des “Galut Mizrajim“ in Erfüllung gehen zu lassen. Also verursachte Er den Neid der Brüder, indem sie sahen, wie Jakov Josef bevorzugte und ihm ein besonderes Kleid anfertigte. Anhand dieser „Alilah“ kam es dann zum Verkauf von Josef und so gelangten schließlich alle nach Mizrajim“[1].

An anderer Stelle lehren Chasal: „Eigentlich hätte Jakov Awinu in eisernen Ketten nach Mizrajim verschleppt werden sollen, doch seiner Ehre wegen gelangte er auf andere Weise dorthin“[2].

Ferner berichten sie:

„Als die Brüder sich gegenseitig schworen und diesen Schwur mit einem ‚Cherem‘ (Bann) besiegelten, dass es niemand ihrem Vater Jakov verraten soll, bezogen sie dabei selbst G‘tt mit ein, da ein Bann nur in Anwesenheit von einem ‚Minjan‘ geschlossen werden kann“[3].

Dies bedarf jedoch einer Erklärung, denn wer gab ihnen das Recht, Hkb“H selbst in ihre Pläne mit hereinzuziehen und Ihm vorzuschreiben, was Er zu tun und zu lassen hat? Der Be’er Mosche erklärt daher: „Dies ist nicht auf wortwörtliche Weise zu verstehen, sondern folgendermaßen: Haschem war mit dem Verkauf von Josef einverstanden, weil Er auf diese Weise den Beginn des Galut Mizrajim einfädeln konnte und verriet daher dem Jakov nichts“[4].

Die „Mechirat Josef“ löste somit das Problem, wie man Jakov Awinu auf etwas würdigere Weise als in Ketten nach Mizrajim gelangen lassen konnte.

Sie war also nur ein Mittel zum Zweck! Hkb“H verursachte sozusagen selbst den Streit der Brüder, damit die Bne Jisrael dadurch nach Mizrajim kamen.

Und dennoch mussten die Brüder, die שבטי י-ה (G’ttes Stämme), ihre Taten rechtfertigen, denn Haschem benutzte sie nur wegen ihrer Taten, weil sie sich zum Streit mit Josef verleiten ließen. Haschem hätte auch andere Möglichkeiten gefunden, um Josef nach Mizrajim bringen zu lassen, denn „Harbe Schlichim laMakom“ – „G’tt hat viele Boten“.

Er hätte Alternativen zum Bruderhass gefunden, wenn er nicht bereits schon da gewesen wäre.

Raw Gedalja Schor sZl., der Rosch Jeschiwat Torah weDa’at (gest. 5779/1979), machte auf folgenden Ausspruch von Chasal aufmerksam: Im Passuk heißt es (Wajikra 16,3): „beSot jawo Aharon el haKodesch“ – „Damit soll Aharon ins Heilige eintreten“. „Mit ‘beSot‘ sind die ‚Heiligen Stämme‘ gemeint, bei denen wir an anderer Stelle den Ausdruck „beSot“ finden (Bereschit 50, 28), und in deren Sechut (Verdienst) der Kohen Gadol am Jom Kippur ins Allerheiligste eintrat“[5].

Wenn die heiligste Persönlichkeit am heiligsten Tag des Jahres in den heiligsten Raum der Welt nur im Verdienst der „Schwatim“ (Stämme) gelangen und unbeschadet wieder hinaustreten konnte, zeigt dies die gewaltige Größe und Heiligkeit der Schwatim. Wie können wir dann die Geschichte des Bruderhasses und des Verkaufs von Josef auf einfache Art interpretieren? Es ist doch eindeutig, dass es sich hier um höhere Interessen handelte, von denen wir gewöhnliche Sterbliche kaum etwas verstehen! Auch wenn die Torah von „Eifersucht und Hass“ gegenüber Josef spricht, heißt das nicht, dass ihre Handlungen von diesen Gefühlen geleitet wurden. Zitiert doch Raschi ja bekanntlich die Worte Chasals, wonach die Brüder mit Josef nicht mehr sprechen konnten, weil sie nicht mit gespaltener Zunge redeten – „Echad bePeh weEchad baLew“ (sie sprachen nicht mit dem Mund so und mit dem Herz anders)[6] – was auf eine starke Kontrolle über ihre Midot (Charaktereigenschaften) hinweist!

Demgemäss erklärt der Siporno, dass sich der Mund der Brüder mit ihrem Herzen vereinte, als sie sich entschieden, Josef zu töten.

Sie verurteilten ihn mit ruhigem Gewissen und ihrer Ansicht nach nicht aus Rache und Hass. Sie waren der Meinung, dass Josef den Status eines „Rodef“ (Verfolger) hatte und gemäss den Dine haTorah des Todes schuldig war.

Wer wäre denn bereit, seinen eigenen Bruder nur wegen Hass und Eifersucht zu töten? Und hier hegen gleich neun Brüder dieselbe Ansicht! Und es sind keine gewöhnliche Männer, es sind die heiligen Schwatim!

Raw Jakov Kamenetzky sZl. erinnert an das „Choschen haMischpat“, das „Brustschild“ des Kohen Gadol, auf dessen 12 Steine alle Namen der Schwatim aufgeschrieben waren. Das „Choschen“ sühnte für „Iwut haDin“, für Rechtsbeugung, für eventuelle irrtümlich begangene falsche und verzerrte Entscheidungen der Dajanim[7] (Richter). Dies ist der größte Beweis dafür, so Raw Jakov, dass die Schwatim ihren Entscheid „leSchem Schamajim“ (nicht aus Eigeninteresse) fällten.

Wie könnten sonst ihre Namen das „Choschen haMischpat“ zieren, wenn sie selbst einen unehrlichen Entscheid ausgeführt hatten!

Deshalb verriet Josef seinem Vater jahrelang nicht, dass er lebte und sich in Mizrajim befand. Er befürchtete nämlich weiterhin, dass seine Brüder ihn töten werden, wenn sie erfahren würden, dass er noch lebe. Er übte sich in Geduld, bis er sich davon überzeugt hatte, dass sie ihren Fehler eingesehen und ihre Entscheidung widerrufen würden. Dies gelang Josef jedoch erst in der Rolle des ägyptischen Herrschers, der die Brüder solange zurechtwies, bis ihnen ihr Irrtum beim Psak-Din (Rechtsurteil) klar wurde. Erst dann war er sich seines Leben wieder sicher und konnte sich ihnen offenbaren. Tatsächlich ließen die Brüder sofort ihre alten Gefühle gegen Josef fallen, auch wenn sie ihre Beschämung in diesem Moment, wie Chasal schildern, praktisch lähmte[8].

In diesem Moment, als sie keine halachische Rechtfertigung für ihre Abneigung gegen Josef mehr in der Hand hielten, wurden sie wieder zu echte Brüder![9]

  1. Midrasch Tanchuma Parschat Wajeschew 4
  2. Schabbat 89b und Midrasch Bereschit Rabba 86,2
  3. ibid. 2
  4. Be’er Mosche (-Ozerov, Wajeschew 14)
  5. Wajikra Rabba 21,6
  6. Raschi Bereschit 37,4 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 84,9
  7. Sewachim 88b
  8. Midrasch Bereschit Rabba 93,11
  9. gemäss Emet leJakov

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