Wochenabschnitt Schmot – Verschiedene Stufen des Galut

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Galut

„weEle Schmot Bne Jisrael haBa’im Mizrajma…“ – „Dies sind die Namen der Söhne Jisraels, die nach Mizrajim kamen… Re’uwen, Schimon. Levi…“

Im Midrasch wundern sich Chasal über den Grund der erneuten Aufzählung der Namen aller Kinder Jakovs, die nach Mizrajim kamen, da diese bereits in der Parschat Wajigasch (46,8) aufgezählt wurden.

Sie antworteten: „Der Klall Jisrael wird mit den Sternen des Himmels verglichen. So wie Hkb“H jeden Stern einzeln zählt und bei seinem Namen nennt[1], zählte auch Hkb“H die Bne Jisrael bei ihrem Abstieg nach Mizrajim und nannte jeden bei seinem Namen“.[2]

Raw Jakov Kaminetzky sZl. erklärte dies so:

„Die ganze Zeit über, als Jakov noch lebte, schien er wie eine Sonne. Seine Söhne, die „Heiligen Schewatim“, glichen jedoch den Sternen, die im Tageslicht verblassen. Erst nachdem die Sonne von Jakov untergegangen war, begannen sie zu leuchten. Je mehr sie dann die Dunkelheit des Galut umhüllte, desto stärker wurde ihr Licht. Daher zählt sie der Passuk beim Beginn des Galut Mizrajim ein zweites Mal auf, denn erst jetzt erkannte man ihre Größe in diesem Galut, obwohl sie schon lange davor angekommen waren“[3].

Selbst diese Entwicklung hatte Josef in seinem prophetischen Traum vorausgesehen. Er sah seine Brüder als Sterne neben seinem Vater stehen, der ihm als Sonne erschien, was eigentlich nicht stimmen konnte: Die Sonne ist nur am Tag sichtbar, wo ihr starkes Licht das Sehen der Sterne unmöglich macht!

Doch in Wahrheit sind auch die Sterne vorhanden, man sieht sie einfach nicht. In diesem Sinn erfüllte sich auch dieses Detail des Traums, indem das Licht der Sonne von Jakov zusammen mit dem Sternenlicht der Schewatim zu sehen war.

Denn selbst nach dem Ableben von Jakov schien sein Licht weiter, zusammen mit dem Glanz seiner Söhne.

Je mehr Zeit aber verging, und die Erinnerungen an Jakovs Vorbild und Mahnungen verblassten, desto mehr kam das eigene Licht der Schewatim zur Geltung, das jedoch viel schwächer als das glanzvolle Strahlen von Jakov war. Dennoch konnte deren Licht und Vorbild bewirken, dass die Finsternis des Galut Mizrajim nicht sofort über die Bne Jisrael kam, sondern nur stufenweise. Erst als der letzte der Schewatim niftar wurde, erhob sich ein neuer König und die Finsternis des Galut hüllte sie gänzlich ein.

Weshalb sich die Entfaltung des Galut-Dunkels erst in der dritten Generation richtig bemerkbar machte, erklärt Raw Kaminetzky auf diese Weise:

„Wenn jemand von einem Land in ein anderes übersiedelt, so bleibt er in seinem neuen Wohnort ein Fremder, auch dann, wenn er dort schon viele Jahre lebt. Jede Sache, die ihn an seine frühere Heimat erinnert, bindet ihn erneut an diese. Trifft er einen Landsmann, so freut ihn dies. Selbst die nächste Generation, die Kinder einer solch eingewanderten Person, hegt noch ein wenig diese Gefühle. Für den Enkel jedoch, der die alte Heimat nie gesehen hatte und auch nicht mit den Erinnerungen der Großeltern aufgewachsen ist, für den ist sie völlig fremd geworden. Es gibt nichts, was ihn noch an die Heimat seiner Großeltern binden könnte!

Auch die Bne Jisrael fühlten sich die ganze Zeit hindurch, solange die Schewatim noch lebten, mit der Sonne von Jakov – der alten Heimat und der Lebensweise – dort verbunden. Für sie war es genug Galut, dass sie in einem fremden Land wohnen und leiden mussten.

Die Finsternis des Galut hüllte sie deshalb noch nicht ein. Jakovs Sonne „schien“ noch ein wenig…

Als diese Generation jedoch ausstarb, fühlte die kommende Generation keine Verbindung mehr mit der alten Heimat – mit „Erez Jisrael“. Es störte sie überhaupt nicht, auf fremden Boden zu leben. Es verhielt sich eher umgekehrt, dass sie sich bereits als echte Bürger und feste Einwohner von Mizrajim betrachteten. Deshalb mussten sie das Galut in seiner ganzen Stärke erfahren, um ihnen die Tatsache stets vor Augen zu halten, dass sie keine ‚Mizrim‘ waren – sie waren nicht gleichberechtigt, sie waren Fremde und gehören nicht dorthin!“

Es ist aber dennoch offensichtlich, dass nicht alle Jehudim in Mizrajim auf der gleichen Stufe des Galut standen oder dieselben Schikanen und Leiden erdulden mussten. Der Schewet Levi z.B. musste keine Frontarbeit verrichten. Stattdessen widmeten sie sich dem Torah-Lernen und beachteten auch die Brit-Milah. Sie waren noch immer mit der alten Heimat, mit Jakovs Lebensweise, verbunden, und spürten daher genügend Galut-Leiden mit der Erkenntnis, fern des heimatlichen Boden leben zu müssen.

Von Jahr zu Jahr leinen wir die Parschijot des Galut Mizrajim, und die Teschuwa-Wochen der „Schowawim“ (Schmot-Mischpatim) gehen an uns vorbei.

Man gibt uns in diesen Wochen der „Rückkehr“ (Teschuwa) die Gelegenheit, aus diesen Parschijot gewisse Lehren zu ziehen, die auch in unserem jetzigen Galut gelten. Schließlich war das Galut Mizrajim eine Vorbereitung für alle anderen künftigen Galujot.

So wie der Klall Jisrael sich in Mizrajim harte Prüfungen über sich ergehen lassen musste und sich nicht von der Umgebung beeinflussen lassen durfte, um nicht vom richtigen Weg abzuweichen, so haben auch wir in diesem Galut jeden Tag mit ähnlichen Situationen zu kämpfen.

Jeder kann heutzutage seine Ansichten und Meinungen vor der ganzen Welt äußern, auch wenn sie noch so falsch und abwegig sind – es herrscht „Presse- und Meinungsfreiheit“! Es kann auch jeder dank des unermüdlichen Fortschritts der Technik und der Entwicklung der Medien seine Ideen und sein Gedankengut innerhalb Sekunden über die ganze Welt verbreiten. Da niemandem das Wort verboten und die Feder entwendet werden kann, müssten wir eigentlich Tag und Nacht unsere Augen und Ohren verschließen, um nicht negativ beeinflusst zu werden.

Auch wenn die jüdische Emuna und die Torah-Treue fest in uns verankert sind, so besteht immer noch eine gewisse Gefahr, selbst ein wenig vom rechten Weg abzukommen!

Nicht jeder kennt die ganze Torah und ihre Gesetze in allen Einzelheiten, und nicht jeder weiss über alle pflichtige Minhagim oder überlieferte Traditionen unseres Volkes Bescheid. Wie leicht kann es da vorkommen, dass jemand unakzeptable ‘Haschkafot‘ (Weltanschauungen), verdrehte Tatsachen und falsche Erklärungen publiziert und kaum jemand bemerkt, dass er hinters Licht geführt wird.

Diese Finsternis, diese Unwissenheit nennt man „Galut haDa’at“ – „Exil des Wissens“! Das wahre Wissen befindet sich im Dunkeln, in Unkenntnis und die Welt labt sich bestenfalls an sogenannten Halbwahrheiten oder gibt sich gar mit „Lug und Trug“ zufrieden.

Der Arisa“l erklärte, dass die Bne Jisrael in Mizrajim hauptsächlich unter dem „Galut haDa’at“ litten, der Irreführung und Unterdrückung ihres selbstständigen Denkens. Durch die ununterbrochene Frontarbeit und den ständigen neuen Schikanen besaßen sie nicht die Zeit und Muße, sich über den Sinn ihres Lebens klar zu werden. Wie hirnlose Roboter lebten sie in den Tag hinein und kannten nur die Lastarbeit für ihre ägyptischen Herren. Sie stellten sich nie die Frage:

Ist das der Sinn meines Lebens? Bin ich zu diesem Zweck von G’tt geschaffen worden?

So schneidert sich jeder sein eigenes Galut. Je mehr er sich mit Torah und Mizwot verbindet, je mehr ihn die Leiden seines Volkes bedrücken, je mehr er um unser verlorenes Land, dem zerstörten ‚Bet haMikdasch‘ und dem Galut haSchechina (Exil der g’ttlichen Präsenz) trauert, desto grösser ist sein persönliches Galut-Leiden.

Ein solcher Jehudi leidet bereits genug und muss nicht mit weiteren Prüfungen und Nöten belastet und bedrängt werden. Wer sich aber mit seinem neuen Wohnort angefreundet hat und die Verbindung mit seiner alten Heimat nicht mehr aufrecht hält, sich stattdessen sich von der Lebensart und Denkweise der Umwelt beeinflussen lässt und sich ihr anpasst, der spürt das Galut nicht mehr. Sein Da’at, sein Wissen ist gehemmt und die Erkenntnis der Wahrheit liegt im Finsteren. Er läuft daher Gefahr, dass ihm separate Galut-Leiden auferlegt werden müssen, um ihn aus seiner Unkenntnis zu befreien und ihn aus seiner Lethargie wachzurütteln!

  1. Siehe Jeschajahu 40,26
  2. Raschi im Namen des Midrasch Schmot Rabba 1,3.
  3. Emet leJakov

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