Wochenabschnitt Wajechi – Das Ableben von Zadikim (1. Teil)

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Ableben

In „Parschat Wajechi“ wird über den besonderen, erhabenen Ma’amad (Szene) des Ablebens von Jakov Awinu berichtet, als die heiligen Stammesväter um sein Bett standen und jeder von ihnen seinen Segen erhielt. „Gelobt sind die Zadikim“, sagen unsere Weisen sl., „die nicht von dieser Welt scheiden, bis sie ihre Kinder benschen und über ihre Wege belehren, wie es heisst (Bereschit 49,33): „Als Jakov es vollendete, seine Befehle an seinen Söhnen zu erteilen, zog er seine Füße in das Bett zurück und verschied…“. Was waren die Befehle, die er ihnen als letztes übergab? Dass sie auch nach seinem Ableben weiterhin auf dem g‘ttlichen Pfad schreiten, das Joch des „Malchut Schamajim“ auf sich nehmen und die Torah und ihre Mizwot beachten sollen“[1].

Ferner zitieren Chasal hierzu den Passuk in Tehilim (34,12):

„Lechu Banim, Schim’u Li, Jir’at Haschem Alamedchem“ – „Geht meine Söhne, hört auf mich, (denn) G‘ttesfurcht lehre ich euch“. Wenn Zadikim von dieser Welt scheiden, dann belehren sie ihre Kinder nicht über ihre Wünsche, was z.B. Geld und Verdienst angeht, sondern über die Ehrfurcht vor G“tt“[2].

Wenn das Leben von Zadikim, die Zeit ihrer Höhe, Weitsicht, Tugend und Heiligkeit für das ganze Volk lehrreich und faszinierend ist, umsomehr dann, wenn sie ihren geistigen Höhepunkt erreichen, wenn sie ihre letzten Vorbereitungen zu einem reinen Abschied aus dieser Welt und der würdevollen Ankunft in jener Welt treffen. So erklärte Rabbi Jisrael Hofstein sZl., der Koschnitzer Magid, weshalb Zadikim auch nach ihrem Ableben als „lebendig“ angesehen werden[3]: „Weil sie sich ihr ganzes Leben lang auf den Augenblick ihres Ablebens von dieser Welt vorbereiten, dass dieser mit Keduscha weTahara (Heiligkeit und Reinheit) geschehe“![4]

Der Zadik, der sein Leben lang jede seiner Handlungen, Worte und Gedanken prüfte, kontrollierte und abermals prüfte, ob sie wirklich dem Willen G‘ttes entsprechen, gelangt nun zum Abschluss seiner Aufgabe.

Nur zu gut ist er sich der Wichtigkeit dieses Moments bewusst, wenn er die ihm anvertraute ‚Neschama‘ seinem Schöpfer nicht nur unbefleckt, sondern durch seine Taten auf eine weit höhere Stufe erhoben zurückgibt. In dieser Zeit, in der die Heilige Neschama des Zadiks von dieser Welt genommen und ihre Ankunft im Himmel von tausenden Mal’achim und den Seelen von Zadikim jubelnd Willkommen geheissen wird, wenn sich die Neschama des Zadiks ruhmvoll wieder an ihrem Ort zurückkehren und mit den ihren in den Gefilden der Schechina haKedoscha vereinen kann, in diesem Moment überkommt dem Zadik ein glückliches und seliges Gefühl, wie er es sich selbst Zeit seines Lebens nie vorstellen konnte!

So bezeugte der g‘ttliche Tana Rabbi Schimon bar Jochai vor seiner Petira, dass er sein ganzes Leben lang auf diesen Tag wartete, weil die Zadikim an diesem Tag Unermessliches erreichen, Dinge, die ihnen während ihres gesamten Leben versagt geblieben waren. So erklärte Rabbi Zwi Elimelech Schapiro sZl., der Dinaver Raw, die Worte von Mosche Rabenu, der seine letzte Rede zum Klall Jisrael mit den Worten (Dewarim 31,2) „120 Jahre bin ich heute alt“ einleitete. Was wollte er uns damit sagen? Mosche sagte: „Die ganzen 120 Jahre lang wartete ich auf diesen Tag! Mit dem heutigen Tag endet die Begierde und die Lust meines gesamten Lebens!“[5]

So wird viel Wunderliches von zahlreichen Gedolim und Zadikim über den Zeitpunkt ihrer Petira, berichtet, von denen allerdings an dieser Stelle nur einige wenige Beispiele geschildert werden können.

Versammlungshalle der Chewra Kadischa in Prag
Versammlungshalle der Chewra Kadischa in Prag

Sie kannten den Tag ihres Ablebens

Rabbi Jisrael Dov Ber sZl., der Zadik von Vilednik, bat im Monat Elul des Jahres 5609/1849 einen Tuchhändler, der zu seinen Chassidim gehörte, dass er ihm etwas leinenen Stoff besorgen möge. Am Rosch Chodesch Cheschwan kehrte der Händler nach Vilednik zurück und brachte ihm den gewünschten Stoff mit. Als Rabbi Jisrael den Stoff befühlte, murmelte er: „Ach Tejwet! Ach Tejwet!“ – Der Sinn dieser wurde erst später klar, als der Zadik am 21. (אך) Tejwet verstarb. Er hatte sich mit dem Kauf dieses Tuches bereits die nötigen „Tachrichim“ (Sterbekleider) besorgt![6]

***

Einst kam ein Chassid vom grossen Mekubal und Kommentator des Heiligen Sohar, Rabbi Jizchak Eissik Eichenstein sZl. von Siditschow, um seinen Rebbe um Rat zu fragen, denn er wollte nach Erez Jisrael übersiedeln.

„Warte noch ein wenig“, antwortete ihm der Rebbe, „und dann werden wir beide dorthin reisen!“ Der Chassid hörte auf den Rat seines Rebben und wartete. Doch kurze Zeit später erreichte ihn die Nachricht von der plötzlichen Petira seines Rebben. Nun begriff er, was dieser mit der Reise nach Erez Jisrael gemeint hatte. Er ließ sofort alles stehen und liegen und lief in die Mikwa, rief die ‚Chewra Kadischa‘ (Heilige Bruderschaft der Beerdigung) zu sich nach Hause und schrieb sein Testament an seine Kinder. Danach bereitete er sich auf sein Ableben vor, sprach das ‚Vidui‘ (Sündenbekenntnis) und starb bald darauf…[7]

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Interessantes wird von einem „Zadik Nisstar“ (Verborgener Gerechter) namens Rabbi Jizchak Eissik, der Schochet im Dorf Surwitz neben Premissla (Przemyśl), erzählt.

Es gelang ihm, sein ganzes Leben seine Taten und Heiligkeit vor Allen zu verbergen, weshalb man ihn für einen echten ‘Am haArez‘ (Unwissenden) hielt. Eines Tages bat er seine Frau: „Geh in die Stadt, nach Pschemischel, und rufe die Chewra Kadischa hierher, denn ich scheide bald von dieser Welt“. Die Bruderschaft sandte alsbald einige Männer ins Dorf. Wie verwundert waren sie, als sie ins Haus des Genannten kamen und ihn gar nicht antrafen. „Wo ist er denn?“ fragten sie seine Frau.

„Er begab sich in den Wald und wird bald zurückkehren“, lautete die schlichte Antwort. „Seid ihr verrückt? Wir glaubten, hier einen Todkranken vorzufinden, dabei spaziert er einfach nur im Wald umher! Ihr habt uns umsonst hierher bemüht!“ Da trat der Gesuchte ein: In der Hand hielt er etwas Stroh und sein Gesicht leuchtete rot wie Feuer. Die Männer erschraken bei seinem Anblick. „Ich bitte euch, stellt mir keine Fragen, denn meine Stunden sind gezählt! Sobald ich nicht mehr unter euch weile, lasset nach einigen Sofrim (Schreiber) rufen, dass sie mit Tinte und Papier hieherkommen, damit sie meine Schriften voller ‚Chidusche Torah‘, die in dieser Kiste liegen, abbschreiben und drucken lassen. Diese Abschrift muss sofort erfolgen, noch während ich hier liegen werde und bevor ihr mich mit den Sterbegewändern bekleidet. Sobald ihr aber eine Veränderung in meinem Gesicht erkennen werdet, müsst ihr mit der Abschrift sofort aufhören!“

Daraufhin streute er das Stroh auf den Boden, legte sich darauf während er etwas murmelte und verstarb.

Die Männer taten wie geheißen und ließen nach vielen Talmide Chachamim mit Schreibzeug rufen. Diese öffneten die Kiste und begannen mit der Abschrift der Chidusche Torah des Zadik Nisstar. Plötzlich änderte sich die Gesichtsfarbe des Verstorbenen und die Kiste verschloss sich von selbst. Sie wurde mit allen restlichen Chiduschim zusammen mit dem verstorbenen Zadik begraben. Aus dem bereits abgeschriebenen Material wurden später vier Sefarim gedruckt: Otijot deRabbi Jizchak über die tiefere Bedeutung des Alef-Bet, Rasa Mehemna, Jesod Zadik und Hilchot Olam[8].

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Die Mutter des berühmten Chatam Sofer war weithin als „die fromme Reisl“ bekannt.

Ihr Sohn bezeugte, dass G‘tt nicht Großes auf der Welt geschehen ließ, ohne ihr dies vorher im Traum mitzuteilen[9]. Sie pflegte alle Tefilot mit dem Zibbur zu verrichten. Einst kehrte sie von der Tefilat Mincha zurück, die in der Schul von Frankfurt a.M. zur Zeit von ‚Mincha Gedola‘ verrichtet wurde. Sie rief ihre Schwiegertochter Chulda und sprach: „Meine Tochter! Heute ist meine Zeit gekommen, um von dieser Welt zu scheiden. Bitte rufe mir die frommen Frauen und reiche mir meine „Tachrichim“, die ich mir schon lange vorbereitet habe“.

Die junge Frau konnte nicht glauben, was sie aus dem Munde der noch rüstigen und munteren Zadeket vernahm. Erst als diese sie ein zweites- und drittes Mal bat, kam sie ihrem Wunsch nach. Die Rabbanit aber legte sich aufs Bett, sagte mit den anderen Frauen die verschiedenen Tefilot und verschied…[10] (17. Ador 5582/1822 im Alter von 88 Jahren)[11]. – Ihr Grab war viele Jahre lang ein bekannter Ort der Tefila (auf dem Friedhof Battonnstraße).

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Ähnliches wird auch von der Rebbezen Bejla, die Frau des Rabbi Jisachar Beer Baron sZl., der „Heilige Alte“ (Sabba Kadischa) von Raduschitz (Radoszyce/Polen), berichtet.

Zwei Jahre nach dessen Petira stand sie eines Morgens im Jahre 5605/1845 auf, war kerngesund und wohlauf. Ihren Verwandten gab sie aber bekannt: „Heute werde ich aus diesem „Olam haScheker“ (“Welt der Lüge”) scheiden!“ Sie erntete aber nur verblüffte Blicke. Die Rebbezen stellte einen Stuhl neben ihr Bett, legte ihre vorbereiteten Sterbekleider darauf mit einem Säckchen voll Erde aus Erez Jisrael. „Dies ist ein Geschenk meines Mannes sZl.“, erklärte sie, und verstarb[12].

Fortsetzung folgt

Neuer Grabstein der Rebezen Reizl Sofer (Schreiber) o”H
Neuer Grabstein der Rebezen Reizl Sofer (Schreiber) o”H
  1. Gemäss Midrasch Tana’im (Dewarim 1,1), Bamidbar Rabba 2,8 und Sechel Tov (Bereschit 49,33)
  2. Midrasch Agadat Bereschit Kap.2
  3. „Zadikim af bemitasan nikra’im Chajim“ (Berachot 18a)
  4. Awodat Jisrael (Parschat Chaje Sarah)
  5. Igra deKalla (Parschat Jitro S.20a)
  6. Sche’erit Jisrael haChadasch (Toldot S.38) gemäss einem Zeugenbericht aus dem Sefer Niflaot (Owritsch 5662)
  7. Sippure Chassidim (-Sewin, Moadim S.134)
  8. Einleitung zu Otijot deRabbi Jizchak, Awne Chen (Aschkenasi) S. 297 u.a.
  9. Chut haMeschulasch (S.2 und 12)
  10. Sefer Sikaron zu Ehren des Chatam Sofer S.130 und Pardes Mosche (Toldot Mosche S.4)
  11. Awne Sikaron (5661) und Jeruschatenu Bd2
  12. Awne Chen S.295

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