Lebensbund und Lebenszeichen

Datum: | Autor: Rav Schlomo Wolbe | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
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Raw Schlomo Wolbe SZL wurde 1914 in Berlin geboren. Er lernte in der Jeschiwa Mir in Polen und wurde naher Schüler des großen Maschgiach Raw Jerucham Leiwovitz SZL. Raw Wolbe war einer herausragende Mussar-Persönlichkeit seiner Generation, der viele Schüler großzog.
Raw Schlomo Wolbe SZL
Raw Schlomo Wolbe SZL

Der Mensch ist ein dreidimensionales Wesen. Die Dimensionen sind Geist, Gemüt und Körper. Als vierte kommt hinzu die Zeit, ohne die unser Leben nicht denkbar ist. Jeder dieser Dimensionen hat die Tora ein Zeichen aufgedrückt, das uns unsre Verbundenheit mit Haschem vergegenwärtigt. Kopf und Herz, der Sitz von Geist und Gemüt, tragen die Tefillin an Hand (gegenüber dem Herzen) und Kopf. Das „Bundeszeichen“ trägt das Geschlechtsglied, der Exponent des Körpers und seiner Regungen. Das Bundeszeichen in der Zeit ist der Schabbat, der jeden siebenten Tag wiederkehrt.

Der Brit Milah wird am achten Tag nach der Geburt vollzogen. Geschah das nicht, so muss der Betreffende selber für seine Beschneidung sorgen, und zwar so bald wie nur möglich, denn das ist eines der wichtigsten – und strengsten – Gebote, die wir haben. An die Heiligung des Schabbat wird das junge Kind schon im Elternhause gewöhnt. Tefilin legt man erst nach der Bar Mitzwa. Besprechen wir die drei Mitzwot in dieser Reihenfolge.

Brit Milah

„Ich errichte Meinen Bund mit dir und deinen Nachkommen in ihren Generationen, einen ewigen Bund, dir G-tt zu sein und deinen Nachkommen nach dir – Dies ist Mein Bund, den ihr hüten sollt, zwischen Mir und euch und deinen Nachkommen nach dir: bei euch jeden Männlichen zu beschneiden.“[1]

Der Bund zwischen Ihm und uns ist unlösbar. Für immer sind wir G-ttes Volk, und auch Er kann sich von uns nicht lösen. Was das bedeutet, sagen uns Chasal. Sie zitieren einen Passuk aus Mosches Abschiedsrede, einen aus Jeschajas Antrittsrede und einen aus Hoschea und sagen: „Ob ihr euch führt wie Kinder oder nicht – immer heißt ihr „Kinder“: „Kinder auf die kein Verlass ist“ -aber Kinder; „Samen von Übeltätern, verderbende Kinder“ – aber Kinder: „Statt dass man ihnen sagt: ihr seid nicht Mein Volk, wird man ihnen sagen: Kinder des lebendigen G-ttes!“[2]

Es ist eine Lebensnähe zwischen Haschem und uns.

Er ist uns nicht abstrakter Begriff wie den Philosophen, nicht Gegenstand feierlicher Zeremonien wie den Nichtjuden – Er lebt mit uns!

Das Verhältnis zwischen Haschem und uns ist gegenseitig. Ist die Emunah in unseren Herzen vollständig klar und eindeutig, so ist auch die Art, wie Er uns leitet, offenbar bis zu handgreiflichen Wundern. Bleibt Haschem uns unerkannt, so ist auch die Art, wie Er uns leitet, nicht durchsichtig. Haben wir Ihn ganz vergessen, wendet Er sich von uns ab. Da trifft uns Galut, Vertreibung – Auschwitz… Aber der Bund bleibt ewig, und trotz allem – Jisrael lebt! Dem jüdischen Baby, nach der Milah, gehört schon der lebendige G-tt – wir betonen es in der Bracha nach der Milah. So wächst es auf: lernt Tora – und fühlt Leben in ihr; wird Bar Mitzwa – und fühlt Leben in Mitzwot; lebt sein Leben – und fühlt Seine Führung in ihm.

Brit Mila bei einem Erwachsenen
Brit Mila bei einem Erwachsenen

Der Bund ist das Band zwischen Ihm und dem jüdischen Volk. Das Bundessiegel trägt der Jude an seinem Körper. Geheiligt ist auch der Körper des Juden. Das Leben mit Haschem umfasst ja den ganzen Menschen, auch und gerade den Körper.

Wie tief wir auch sinken, unser Lebensbund mit Haschem besteht. „Wenn er auch sündigt – ein Jude bleibt er“[3]– sagen Chasal.

Schabbat

„Die Söhne Jisraels sollen den Schabbat hüten — allen Geschlechtern ein ewiger Bund, zwischen Mir und Jisraels Söhnen ein ewiges Zeichen.“[4] Dieser Rhythmus prägt die Zeit: sechs Tage Arbeit, der siebente Tag Ruhe. Diese Ruhe – nicht Picknick und Zeitvertreib, sondern Höhepunkt: die Zielsetzung für unser gesamtes Tun. „In sechs Tagen hat Er Himmel und Erde gemacht, den siebenten, ruhend, beseelt.“[5] Haschem hat von sich selber geschrieben „Ruhe“, obgleich Er doch die Welt schuf ohne Anstrengung[6] – uns zur Lehre: Ziel der äußeren Tat ist Innerlichkeit!

„Alle Mitzwot gab der Heilige gelobt sei Er uns öffentlich, nur den Schabbat gab Er im Stillen – zwischen Mir und Jisraels Söhnen ein ewiger Bund,“[7] sagen Chasal. Der Schabbat ist die innerlichste aller praktischen Mitzwot. Keine Zweckverrichtung darf die Ruhestören, der Mensch ist enthoben der Herrschaft über die Welt auch in der kleinsten Handlung wie z.B. Betätigen der Elektrizität. Schabbat bringt eine drastische Wendung nach innen. „Eine höhere Seele gibt der Heilige gelobt sei Er dem Menschen am Freitagabend, und beim Schabbatausgang wird sie ihm wieder genommen,“[8] ein weites Herz zu Ruhe und Freude. Der Schabbat rührt uns irgendwie, wir sagen es im Gebet: „Das Volk der Schabbat-Heiliger sind alle satt und gerührt[9]* von Deiner Güte!“[10]

Was wir der furchtbaren Technisierung des Lebens entgegenzusetzen haben um ihr nicht gänzlich verfallen zu sein – das ist die Schabbatruhe.

Tefillin

„Binde sie zum Zeichen an deine Hand und zum Kopfschmuck zwischen deine Augen“[11] – das sind die Tefillin. Was binden? In dem schwarzen, viereckigen Gehäuse liegen die vier Abschnitte der Tora, in denen von Tefillin die Rede ist; in zwei von ihnen erscheinen die Tefillin als das Zeichen für die Erlösung aus Ägypten, die uns mit Haschem so eng verbunden hat; in der dritten sollen die Tefillin die Einheit G-ttes bezeugen, aus der uns die Konsequenz erwächst, Ihn zu lieben und uns der Tora zu widmen; die vierte bringt uns die Verpflichtung vor Augen, Mitzwot zu hüten und der g-ttlichen Fügung von Lohn und Strafe gewärtig zu sein. Das alles kommt uns in den Sinn, während wir die Tefillin tragen.

Tefillin der Hand heiligen die Tat. Sie sollen zugedeckt sein – „dir zum Zeichen und nicht Anderen zum Zeichen.“[12] Die Kopftefillin heiligen das Denken. Sie sollen sichtbar sein: „Alle Völker sollen sehen, dass Haschems Namen über dich gerufen ist“ – damit sind die Kopftefillin gemeint.“[13] Gute Taten verbirgt man. Das Denken muss klar sein für alle Menschen.

Es geht eine Veränderung vor in uns, wenn wir die Tefillin anlegen.

Der Rambam beschreibt sie: „Tefillin haben Heiligkeit. Wenn die Tefillin an Kopf und Hand sind, ist der Mensch demütig und G-ttesfürchtig, hat kein Verlangen nach Spaß und unnützen Reden, denkt an nichts Schlechtes und wendet sein Herz nur zu Wahrheit und Gerechtigkeit.“[14] Der Rambam sagt nicht „es soll so sein;“ er sagt „es ist so.“ Vielleicht haben wir es noch nie bemerkt, dass Tefillin uns derart verändern, während wirnsie tragen. Aber wenn wir zurückblicken auf all die hundert Male in denen wir sie trugen, können wir es unschwer erkennen, dass der Rambam recht hat. Dies alles, wenn man sich genau an die Halachot des Tefillinlegens hält.

Zizit und Mesusa sind keine „Zeichen“ wie die Tefillin.

Aber sie gehören mit ihnen zusammen. „Schreibt sie an die Pfosten deines Hauses und deiner Tore“[15] steht neben dem Tefillingebot. Den Zizit gilt der dritte Abschnitt von „Schma Jisrael“. Zizit tragen wir den ganzen Tag, als eine stetige Erinnerung an alle Mitzwot. Die Mesusa wird an jedem Türpfosten befestigt, der zu einem Zimmer führt, das zu sauberem Gebrauch bestimmt ist.

Hören wir wieder, was uns der Rambam über sie zu sagen hat:

„Die Mesusah ist eine wichtige Mitzwa die immer und für Alle gilt. Geht man aus und ein – trifft man den Namen des Heiligen gelobt sei Er, besinnt sich auf die Liebe zu Ihm, wacht auf aus seiner Lethargie und der Versunkenheit in die Kleinlichkeiten der Zeit. Dann weiß er: nichts hat Bestand für alle Zeit, nur das Wissen um den Weltschöpfer. So kommt er zu sich und geht auf gradem Weg. Chasal sagen: `Tefillin an Hand und Kopf, Zizit am Kleid und Mesusa an der Tür – damit ist man sicher vor der Sünde,‘ denn man hat viele Denkzeichen; sie sind die Engel, die vor Sünde hüten. Von ihnen sagt Tehillim: ‘Haschem‘s Engel weilt ringsum Seine Fürchtigen und rettet sie!“[16]

  1. Bereschit 17, 7-10
  2. Talmud Kiduschin 36a
  3. Talmud Sanhedrin 44a
  4. Schemot 31, 16-17
  5. Schemot 31, 16-17
  6. Raschi Schemot 20,17, Mechilta daselbst
  7. Talmud Beza 16a
  8. Talmud Beza 16a
  9. * Die neuartige Übersetzung des Wortes „Oneg“ mit „Rührung“ ergibt sich aus der Grundbedeutung aller Worte, die aus dem Stamm נג gebildet sind und alle ein Anrühren im Guten oder Bösen, in handgreiflichen wie im seelischen Sinn zum Inhalt haben: נגד, נגה, נגח, נגן, נגם, נגף, נגע, נגרBei „נגע” steht das Ajin am Schluss, hier am Beginn des Wortes.
  10. Morgen Tefilla und Mussaf am Schabbat
  11. Dewarim 6,8
  12. Talmud Menachot 37b – Schulchan Aruch, Orach Chajim Kap. 27,11
  13. Talmud Brachot 6a
  14. Jad Hachasaka, Hilchot Tefillin Kap. 4,25
  15. Dewarim 6,9
  16. Jad Hachasaka Hilchot Mesusa Kap. 6,13

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