Die Welt im Lichte der Tora

Datum: | Autor: Rav Awrohom Herz | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Licht

נֵר מִצְוָה – וְתוֹרָה אוֹר

Um die Sache anschaulich darzustellen, beginnen wir mit einem Maschal (Gleichnis): Ein Mensch befindet auf der Spitze eines hohen Berges. Es ist Nacht, stockdunkel. Er ist sich gar nicht richtig bewusst, dass er auf einem so hohen Gipfel steht. Eigentlich hat er eine herrliche Aussicht vor sich, doch sie ist für ihn unsichtbar. Es kommt ihm vor, als ob es keine Welt gäbe.

Dunkelheit vs Licht

Doch dann wird es Morgen, und die Sonne geht auf. Zuerst, bei Sonnenaufgang, sieht er erst Umrisse, doch dann bei voller Sonne, welch herrliches Bild bietet sich ihm nun! Er sieht vor sich in den Himmel ragende hohe Berge. Weiter unten weite Wälder und grüne Hügel, zu seinen Füssen die Täler mit ihren Seen und Flüssen, sein Blick reicht bis zu anderen, weit entfernten Bergspitzen. Und richtet er seinen Blick nach oben, bewundert er den unendlichen blauen Himmel mit der strahlenden Sonne. Jetzt spürt er förmlich seine hohe Position, nur durch sie kann er mit seinem Blick soviel erfassen. Und beim Blick auf die herrliche Welt denkt er zurück an die lange einsame Nacht, in der ihm alles verborgen war.

Das Licht der Tora

Alles, was er jetzt sieht, war auch nachts schon da.

Doch es fehlte die Lichtquelle, das Tageslicht.

תוֹרָה אוֹר Tora Or – die Tora wird mit dem Tageslicht verglichen. Jeder einzelne Jehudi steht auf einer enorm hohen Position. Doch er fühlt es nicht, er kann es nicht wahrnehmen, es kommt ihm oft alles dunkel und einsam vor. Doch wenn er sich mit dem Lernen der Tora beschäftigt, ändert sich plötzlich alles. Durch das Licht der Tora bietet sich ihm von seiner Höhe ein herrlicher Blick auf die Welt. Sein Horizont erweitert sich, er erfasst Dinge, die er zuvor nie erblicken konnte. Und wie bei dem Sonnenaufgang, am Anfang des Lernens ahnt er erst, dass es viel zu sehen gibt, doch wenn sich mehr in die Tora vertieft, sieht, erlebt und versteht er allmählich mehr und mehr von den Geheimnissen unserer Welt.

Das Lernen und Beschäftigen mit der Tora ist schon an und für sich ist eine erhabene Mitzwa, ein Gebot von Haschem. In der Mischna wird sogar gesagt, dass das Lernen alle anderen Gebote aufwiegt. Jedes Wort des Lernens bildet eine Mitzwa für sich. So kann ein Mensch während einer Lernstunde Tausende und Abertausende Mitzwot erfüllen.

Doch es soll natürlich nicht nur bei dem Lernen bleiben; das Lernen soll uns zum Erfüllen der anderen Gebote führen.

In unseren Schriften steht ein merkwürdiger Possuk: „Ner Mitzwa, weTora Or“, übersetzt heißt dies: „Das Kerzenlicht der Mitzwa (des Gebotes), das Tageslicht der Tora“. Weshalb wird die Erfüllung eines Gebotes nur mit einem Kerzenlicht verglichen, das Lernen jedoch mit Tageslicht??

Diese Frage wird in der Gemara (Talmud) ausführlich behandelt. In welcher Hinsicht unterscheidet sich die Kerze vom Tageslicht? Das Licht der Kerze kann man auslöschen, das Tageslicht hingegen nicht. Falls ein Mensch Mitzwot erfüllt, daneben aber auch sündigt, löschen die Sünden seine Mitzwot aus.

Sein Lernen aber bleibt, denn das Licht der Tora ist wie das Tageslicht – unauslöschlich.

Mit dieser Feststellung verstehen wir auch eine andere Stelle in unseren Schriften. Im Passuk[1], der von der Zerstörung von Jeruscholajim erzählt, klagt Haschem: „Oti aswu“, (übersetzt: „Mich haben sie verlassen“), „we’et Torati lo schomeru“ („und meine Tora haben sie nicht gehütet“).

Und der Midrasch[2] erklärt dies eindrücklich: „Hätten Sie doch nur mich verlassen, aber meine Tora nicht, hätten sie sich doch weiter mit Toralernen beschäftigt, dann hätte das Licht der Tora sie wieder auf den richtigen Weg zurückgeführt!

Die schwerwiegendsten Sünden wurden damals begangen, wie der Midrasch uns berichtet, aber all diese schweren Sünden werden hier nicht erwähnt. Haschem beklagt nur das Eine, das Licht der Tora, welches sie verlassen haben, das immer leuchtende, unberührbare Tageslicht, das eine Garantie gewesen wäre, wieder richtig zu sehen und richtig zu handeln, und über das Gewesene Teschuwa (Rückkehr [zu Haschem]) zu tun.

Wir leben in einer Welt, die so viel enthält.

Das Licht der Tora erklärt uns alles, beleuchtet uns alles, lässt uns so vieles richtig verstehen. Sie führt uns in jeder Lebenslage, und nur durch das Lernen wissen wir stets, wie wir richtig zu handeln haben und unser Leben ausnutzen können.

Dies kann auch mit einem Gleichnis erklärt werden: Wenn wir ein neues Elektrogerät kaufen, muss eine Gebrauchsanweisung dabei sein. Auch wenn sie nicht immer auf Anhieb zu verstehen ist, wird man sich bemühen, denn nur so kann man das Gerät optimal benützen. Haschem stellt uns eine Welt zu Verfügung, und sozusagen als deren Gebrauchsanweisung übergab Er uns die Tora.

Dies ist eine sicher richtige, jedoch etwas oberflächliche Anschauung.

Versuchen wir, eine etwas tiefere Erklärung zu finden. Unsere Weisen, die uns sehr viele Geheimnisse überliefert haben, sagen uns, dass die Tora schon lange Zeit vor der Welt erschaffen wurde. Sie bildete den eigentlichen Bauplan der Welt. „Histakel beOrajta, ubara Alma“ – dies bedeutet, dass Haschem in die Tora schaute und nach ihr die Welt erschuf. Die Hauptsache ist also das Lernen und Erfüllen der Tora, das Werkzeug dazu diese Welt, die genau passend nach der Tora eigerichtet wurde.

Ein Arzt kam freudig zu dem Chazon Isch (einem der größten geistigen Führer unseres Volkes, der bis vor ca. 70 Jahren lebte), und eröffnete ihm: Jetzt weiß ich, weshalb ein Kind am achten Tag beschnitten werden muss: die Wissenschaftler haben nämlich entdeckt, dass sich die Gerinnungseigenschaften des Blutes eine Woche nach der Geburt stärken. Der Chazon Isch antwortete ihm: Die Entdeckung mag zwar richtig sein, nicht jedoch die Schlussfolgerung. Das Umgekehrte ist wahr: weil die Tora uns befiehlt, einen neugeborenen Jungen am achten Tag zu beschneiden, hat Haschem die Eigenschaften des Blutes danach gerichtet… Es ist sicherlich nicht leicht, sich an diesen Gedankengang zu gewöhnen, doch allenfalls stimmt die Tora mit allen Einzelheiten dieser Welt überein.

In der Tora sind alle Wissenschaften enthalten.

Wir finden in der Gemara Dinge, die die Wissenschaft erst Jahrtausende später entdeckt hat. Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, Beispiele zu nennen. Vielleicht bietet sich noch die Gelegenheit dazu.

Grosse Professoren in Israel hörten auf den Rat dieses Chazon Isch, sogar bezüglich der Technik von komplizierten Operationen. Als er einmal einem Chirurg anhand einer Skizze Ratschläge gab, rief dieser verwundert aus: Rabbi, Ihr habt doch nie Medizin studiert, von wo sind sie so bewandert in allen Einzelheiten der Anatomie ? Er antwortete bescheiden: Von der Tora, Hilchois Treifot (das sind die Vorschriften, bei welchen Fehlbildungen oder Verletzungen das Tier nicht gegessen werden darf, und dort wird jede Einzelheit des Tierkörpers genau beschrieben).

Die Gemara (Talmud) enthält alles. Ob irdische oder überirdische Tatsachen und Vorgänge, für jedes Wissensgebiet.

Unserem Volk wurde diese herrliche, erleuchtende Lehre geschenkt. Wollen wir dieses Geschenk ungenützt liegen lassen, und uns nur mit den von Menschen entdeckten oder erdachten Wissenschaften beschäftigen?

Aller Anfang ist schwer. Haschem wollte nicht, dass seine Tora profan gelernt wird. Deshalb hat er uns das Erlernen der Tora nicht so ganz leicht gemacht. Doch mit ein bisschen Mühe kann sich jeder von uns in der Tora ausbilden lassen. Und je mehr er lernt und sich darin vertieft, desto stärker wird die Begeisterung für Torat Haschem, die G-ttliche Wissenschaft, immer stärker, Hunderttausende die es versucht haben, können dies bezeugen!!!

Doch genauso wie man jemandem, der noch nie sah, eine schöne Aussicht nicht mit Worten erklären kann, kann man auch den geistigen Genuss und die Genugtuung des Lernens von Torat Haschem nicht mit Worten schildern. Es liegt es schlussendlich an jedem persönlich, ob er die Seilbahn besteigen will, um auf den Berg zu gelangen…!

  1. Jirmijahu 16
  2. Eicho Psichto

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