Wochenabschnitt Emor – „miMocharat haSchabbat“ – Ziel des Omerzählens

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
ziel

„Usefartem lachem miMocharat haSchabbat… – Ihr sollt euch zählen, vom Tag nach Schabbat…, Schewa Schabbatot temimot – sieben vollkommene Wochen sollen es sein… wehikrawtem Mincha Chadascha laSchem – und ihr werdet ein neues Mincha darbringen“ (23,15).

Chasal erklären, dass mit „miMocharat haSchabbat“ nicht der Tag nach dem Schabbat – also der Sonntag – gemeint ist, der als erster Omertag gelten soll, wie es die Auffassung der Zedukim (Sadduzäer) und später der Kara‘im (Karäer) war. Vielmehr bezieht sich dies auf den Tag nach dem ersten Pessachtag, den 16. Nissan[1].

Man muss sich aber fragen, weshalb es die Torah vorgezogen hat, den Beginn des Omerzählens mit „miMocharat haSchabbat“ zu bezeichnen, obwohl dies Verwirrung stiften würde. Es verursachte doch einen verheerenden Streit und große Meinungsverschiedenheiten?

Mit einer klaren Formulierung hätte dies verhindert werden können!

Eine ähnliche Frage finden wir gleich am Anfang der Torah. Wie Chasal berichten, schrieben die 72 Chachamim, welche die Torah für den König Talmai (Ptolomäus Philodolphus II.) ins Griechische übersetzten (die Septuaginta), den ersten Passuk mit einer kleinen Veränderung: Anstatt „Bereschit bara Elokim“ – das die Ungläubigen gemäss der hellenistischen Philosophie als „Bereschit schuf Elokim“ interpretieren würden – schrieben sie „Elokim bara Bereschit – G’tt schuf den Anfang“[2].

Weshalb schrieb die Torah diesen Satz auf eine Weise, die den Menschen zu einem ketzerischen Irrtum führen könnte?

Warum drückte sie sich nicht von Anfang an deutlich aus, um jede Fehlinterpretierung zu vermeiden?

Eine Antwort darauf geben uns Chasal an anderer Stelle: „Sacha, na’assit lo keSam haChajim, lo Sacha na’assit lo keSam haMawet – Wer es verdient, dem wird die Torah zum Lebenselixier, wer es nicht verdient, dem wird sie zum tödlichen Gift!“[3]

Unsere Weisen haben uns immer wieder darauf hingewiesen, dass „Limud haTorah“ (Torahlernen) kein Kinderspiel ist und auch nicht mit dem wissenschaftlichen Studium vergleichbar ist. Zum Erlangen und Verstehen der g’ttlichen Weisheit sind geistige Vorbereitungen nötig, wie „Tikun haMidot“, d.h. die Läuterung und Veredlung der Charaktereigenschaften etc.

In den in diesen Wochen gelesenen „Pirke Awot“ zählen Chasal 48 „Kinjanim“ (Erwerbsregeln) auf, durch die die Torah erworben werden kann[4]. Wer sich aber nicht auf die Aneignung derselben konzentriert, kann die Torah nicht erwerben, sie weder richtig verstehen noch bei sich behalten. Hingegen versprechen uns Chasal, dass „Sacha, na’asit lo keSam haChajim“, wer sich der Torah für würdig erweist, sie erwerben wird und sie ihn regelrecht beleben wird.

Zudem beruhigen sie uns mit der bekannten Aussage:

„LeOlam ja’assok Adam baTorah uMizwot af al pi schelo Lischma, sche‘mitoch schelo Lischma ba Lischma – Stets lerne der Mensch Torah und verrichte Mizwot, auch wenn dies zu Beginn noch nicht mit einer reinen Auffassung geschieht, so kommt diese dann von alleine“[5]. Die Ba’ale haTosafot betonen, dass der Mensch allerdings dieses Ziel vor Augen haben muss, d.h. den Willen haben muss, irgendwann die Stufe von „Lischma“ zu erreichen und die Mizwot tatsächlich „leSchem Schamajim“ auszuüben! Nur dann stört es nicht, wenn er diese Stufe noch nicht erreicht hat, und Torah lernt und Mizwot erfüllt, obwohl er dies noch nicht aus ganz reinem Herzen tut.

Wer so an das Torah-Lernen herangeht, hat nichts zu befürchten, denn die Torah selbst wird ihn auf dem richtigen Weg führen. Ein solcher Mensch wird auch keinem Irrtum erliegen und falsche Auffassungen entwickeln. Er wird von alleine die richtige Erklärung von „Bereschit bara Elokim“ und von „miMacharat haSchabbat“ verstehen. Wer wirklich die Wahrheit der Torah erblicken möchte, wird sie leicht finden, denn „jagata mazata – wer sucht, der findet“[6]. Wer aber seine Augen vor der Wahrheit verschliesst, wird an ihr straucheln und das Lebenselixier wird sich bei ihm in ein tödliches Gift verwandeln!

So lautet auch die folgende, bekannte Regel:

„beDerech scheAdam roze lejlech, boh molichin oto – Auf dem Weg, den der Mensch gehen möchte, auf diesem wird er geführt“[7]. Alles hängt von seinem Interesse, Willen und seiner Zielsetzung ab! Möchte er nur diesen einen etwas fragwürdigen Schritt machen, oder unternimmt er diesen Schritt nur deshalb, um es als Mittel zur Erreichung des wahren Ziels zu verwenden. Denn manchmal muss man gewisse Umwege machen, um langsam aber sicher ans Ziel zu gelangen!

Die Rischonim zitieren einen Midrasch, wonach die Bne Jisrael nach dem Auszug aus Mizrajim Mosche Rabenu fragten: „Wann werden wir die Torah erhalten?“ Und er gab zur Antwort: „In fünfzig Tagen“. Da zählte jeder für sich die Tage bis zur Offenbarung der Torah[8].

Jisrael verstand ohne grosse Erklärungen, ganz von alleine, den Sinn und Zweck der 50 Tage:

Sie waren eine Vorbereitung auf „Matan Torah“ und mussten richtig genutzt werden. Wie es in den Sefarim haKedoschim steht, gelang es ihnen tatsächlich, sich jeden Tag aus einem der 49 Tore der Tum’ah (Unreinheit), in denen sie sich in Mizrajim befunden hatten, zu treten und durch eines der 49 Tore der Heiligkeit zu schreiten. Diese „49 Tore der Keduscha“ entsprechen auch den erwähnten „48 Kinjane haTorah“ (Erwerbsregeln der Torah), wobei der 49. Tag des Omers, der Abschluss und die Vereinigung aller erworbenen 48 Kinjanim ist.

Als aber der Schluss der Vorbereitungszeit näher kam, das sehnsüchtige Warten und Zählen ein Ende hatte und das Ziel erreicht war, da fügte Mosche Rabenu einen weiteren Tag zu den „Schloschet jeme Hagbala“, die drei letzten Vorbereitungstagen hinzu. Der grosse Tag von „Matan Torah“ wurde also im letzten Moment um einen Tag verschoben. Dies war eine der drei Entscheidungen, die Mosche Rabenu aus eigenem Antrieb vornahm und denen Hkb“H aber nachträglich zustimmte[9]. Was bezweckte Mosche damit? Sah er nicht die Sehnsucht des Klall Jisrael, der mit dem emsigen Zählen der 49 Tage, klar seinen Willen ausdrückte, dass er die Torah endlich erhalten möchte?

Mosche Rabenu lehrt uns damit, dass wir mit „Matan Torah“ höchstens eine Stufe, eine gewisse „Madrega“ erreicht haben, das Ziel aber noch lange nicht!

Unsere ‘Awodah‘ geht weiter und hört nie auf! Wer sich am Ziel wähnt, befindet sich in Wahrheit noch weit davon entfernt, wie es heisst (Schmot 20,15): „Wajar ha‘Am waJanu‘u, waJa‘amdu meRachok – Das Volk sah [so etwas Gewaltiges, dass] sie erbebten und standen in der Ferne“. Wer das gewaltige Ereignis von Matan Torah als Beweis seiner Nähe zu G’tt und zur Torah empfand, der irrte sich, und stand in Wirklich in der Ferne. [Bekanntlich wird mit der Bezeichnung „ha’Am“ immer die unterste Schicht des Volkes gemeint, das sich auf der untersten ‘Madrega‘ befindet].

Dies will die Torah mit der Bezeichnung „miMacharat haSchabbat“ beim Beginn der Omerzählung betonen. Hier steckt das Geheimnis von „Sefirat haOmer“. Jeder Jehudi muss seine Tage und Wochen zählen, denn sie alle sind wichtig und dürfen nicht leer bleiben. Jeder einzelne Tag hat eine Aufgabe und ein Ziel! Doch mit dem Ende des Zählens – mit dem Jom Tov von Schawuot – das Ziel noch lange nicht erreicht. Im Gegenteil ist das Ziel ist „usefartem lachem miMacharat haSchabbat“, d.h. das ganze Zählen ist für nach dem Schabbat, für später nach Beenden der Wochenzählung bestimmt. Denn erst nach „Schawuot“, dem Fest der Wochenzählung, kommt die Vorbereitung von „Sefirat haOmer und Matan Torah“ zur Geltung.

Beim Erreichen der einen Stufe muss man gleich zur nächsten weitereilen.

Wer nicht weitergeht und sich dem Ziel nahe glaubt, dem fehlt es an „Lischma“ (alles nur um der Wahrheit Willen zu tun), und hat den wahren Sinn des Omerzählens überhaupt nicht begriffen. Ihm bleiben dann nur seine Zahlen und Nummern, während er das „Mincha Chadascha“, die neue ‘Awodah‘, die noch vor ihm liegt, nämlich die Erreichung der nächsten Stufe, verfehlt hat!

Daher heisst es im Passuk zuerst „sieben Wochen sollt ihr zählen“, womit 49 Tage gemeint sind, und gleich danach heisst es, „fünfzig Tage sollt ihr zählen“. Dies ist kein Widerspruch: In der Tat muss man nur 49 Tage zählen, die Torah deutet jedoch darauf hin, dass das Ziel nicht am Ende der 49 Tage erreicht ist, sondern die „Awodat Haschem“ weitergeht: 50, 51, 52, usw.

Somit wird der tiefere Sinn unseres Minhags verständlich, am Schawuot erst nach Eintreten der Nacht die Tefilat Ma‘ariw zu verrichten.

In der Halacha wird dies so begründet, dass die 49 Tage von Sefirat haOmer „Temimot“ (vollkommen) sein müssen, d.h. ganze Tage[10]. Dies ist so, obwohl wir den Jom Tov selber, so wie jeden Schabbat und anderen Jom Tov, noch während des Tages empfangen und unsere Arbeit unterbrechen!

Wir lernen daraus, dass wir den „Jom Tov“ an und für sich schon am Erew Jom Tov, mit dem Beenden unseres Omerzählens erreichen, das Ziel der „Sefirat haOmer“ hingegen ist noch nicht erreicht, es geht noch weiter – es gibt noch einen 50. Tag und einen 51. Tag usw.

[1] Menachot 65b

[2] Megila 9a

[3] Joma 72b

[4] Awot 6,6

[5] Pessachim 50b

[6] siehe Megila 6b

[7] Makot 10b

[8] Sefer ha’Itur (Ende Hilchot Mazza uMaror), wird zitiert in Schu“t haRaschb“o (Bd3/284), Schibole haLeket (236), Ra“n ende Pessachim und Aruch haSchulchan 493,2

[9] Schabbat 87a

[10] Ture Sahaw zu Schulchan Aruch O“Ch 494,1 u.a.

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