Wochenabschnitt Wajechi – Wieso bekam Josef die Stadt Sch’chem geschenkt?

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Josef

„Er [Jakov] benschte sie an diesem Tag, sprechend: Mit dir [Josef] wird Jisrael [seine Kinder] segnen und sagen: «Dich mache G’tt wie Efrajim und Menasche», und er setzte Efrajim vor Menasche. Und Jisrael sprach zu Josef: „Siehe ich sterbe, G’tt aber wird mit euch sein und euch in das Land eurer Väter zurückführen. Ich habe dir die Stadt Sch’chem als einen Teil mehr als deinen Brüdern gegeben, die ich aus der Hand des Emori genommen habe mit meinem Schwert und mit meinem Bogen” (49,21-22).

Raschi erklärt, dass Josef einen Teil mehr als seine Brüder als Dank für seine Bemühung um Jakovs Begräbnis erhielt. Dafür erhielt er einen Ort, an dem er selbst mal bestattet werden würde.

Eigentlich bat Jakov Awinu von Josef um einen “Chessed schel Emet” (47,29), eine wahre Gnade, die er ihm nach seinem Tod nicht mehr zurückzahlen kann. Dennoch schenkte er Josef einen Landstrich, der ihm als Grab dienen soll, und versuchte so, seine Schuld zumindest auf ähnliche Weise zu vergelten.

Es dürfte jedoch mehr hinter diese Gabe stecken, denn weshalb schenkte er Josef gerade die Stadt Sch’chem: was hatte die Stadt mit ihm zu tun?

In einer anderen Erklärung versteht Raschi die Übergabe von Sch’chem an Josef als das Vorrecht seiner “Bechora” (Erstgeburt), dass er bei der Landverteilung von Erez Jisrael zwei Teile erhalten wird. Zusätzlich zu seinem mit allen Brüdern erhaltenem Erbe, erhielt Josef diese Stadt als separate Zugabe. Jakov Awinu demonstrierte damit, dass selbst jetzt nach den Auswirkungen des „Kessonet Passim“, dem besonderen Kleid, mit dem er einst seine besondere Liebe zu Josef bekundet hatte und das die furchtbaren Ereignisse des „Mechirat Josef“ (Josefs Verkauf) ins Rollen brachte, die von Re’uwen weggenommene und an Josef verliehene Bechora weiterhin bei diesem bleibt. Reu’wen ist zwar „Reschit Oni“ (49,3), der physische Erstgeborene und nimmt auch weiterhin den ersten Rang innerhalb der Familie ein. Dennoch ist dieser Rang nichts weiter als eine Formalität.

Die Besonderheit des “Bechor” (Erstgeborenen) ist an seine geistigen Aufgaben und Pflichten gebunden, und nur deshalb hat er ein Anrecht auf ein doppeltes Erbe. Als der Familienälteste muss der Bechor das perfekte und verantwortungsbewusste Vorbild seiner Geschwister sein. Nachdem Re’uwen aber seine an ihn gestellte Aufgabe nur ungenügend erfüllt hat, hatte Jakov diese Pflicht dem Josef seinem “geistigen Bechor” übergeben.

Somit kann auch der Zusammenhang der oben erwähnten Psukim, zwischen Jakovs Bevorzugung von Efrajim vor Menasche und der Schenkung von Sch’chem an Josef, verstanden werden.

Jakov Awinu setzte den jüngeren Efrajim vor Menasche. Menasche ist zwar der physische Bechor von Josef, Efrajim hingegen nimmt bei den “Degalim” (Reihenfolge der Lagerplätze in der Wüste) und bei der “Chanukat haMisbeach”, der Korbanot-Darbringung bei der Einweihung des Mischkan, den Vorrang. Weshalb? Weil die Nachkommen von Efrajim sich mehr um das geistige Vorbild als die Nachkommen Menasches kümmerten, so wie auch Efrajim bei Jakov den ganzen Tag Torah lernte, während Menasche im Königspalast von Josef seine Arbeit verrichtete und somit seine Würde und Aufgabe des “geistigen Bechor” vernachlässigte.

Als sich Josef über diesen von seinem Vater vorgenommenen Rangwechsel wunderte, kam Jakov auf seine Schenkung der Stadt Sch’chem an Josef zu sprechen. Damit gab er ihm den verborgenen Grund für seine Handlung zu verstehen, dass er nämlich Efrajim denselben Vortritt gegenüber Menasche gewährt, den er auch ihm – Josef – gegenüber Re’uwen gegeben hatte.

Und deshalb schenkte er dem Josef gerade die Stadt Sch’chem.

Denn jetzt, da Jakov Awinu von dieser Welt scheiden wird, hatte Josef die Aufgabe, an Stelle des Vaters zu treten und in Zukunft für das Wohl der ganzen Familie zu sorgen. Mit der Schenkung von Sch’chem deutete ihm Jakov an, wie er diese Aufgabe handhaben sollte, nach welchen Prinzipen er sich richten müsse: „Ich habe sie aus der Hand des Emori mit meinem Schwert und meinem Bogen genommen“. Raschi deutet diese Waffen als “seine Weisheit und sein Gebet”. Im Midrasch werden sie auch als Mizwot und Ma’assim Towim (gute Taten) gedeutet[1].

Damit wollte Jakov Josef folgendes mitteilen: „So wie ich meine Prüfungen und Nöte jeweils dank meiner Weisheit, der ‘Chochmat haTorah’, meiner Tefila und ‘Awodat Haschem’ (Mizwot und Ma’assim Towim), überstanden habe, genauso sollst auch du als Vorbild deiner Brüder und Schwestern gelten und dich intensiv den drei Säulen auf dem die Welt steht widmen: Torah, Awodah und Gemilus Chassadim”.

  1. Midrasch Bereschit Rabba ***

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