Wochenabschnitt Tezawe – Kleider in der jüdischen Anschauung

Datum: | Autor: Rav Schimschon Raphael Hirsch | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Kleider

Die Bedeutung von Kleidern allgemein

Kleider drücken nach jüdischer Anschauung oft sprachlich und sachlich den Charakter der Person aus, welche mit ihnen bekleidet ist. Ebenso können die Priesterkleider den כֹּהֵן-Charakter zum Ausdruck bringen.

Sprachlich: פקד, sprachlich verwandt mit בגד (Kleid) bedeutet „Einsetzen in ein Amt“. So ist auch das בגד nicht nur zur Verhüllung da, sondern drückt gewisse Eigenschaften, Aufgaben, Kompetenzen oder ein Amt aus, für welche ein Kleid ein Symbol sein kann. Und ebenso wie פקד, kann auch das reale Bekleiden mit einem בֶּגֶד ein Einsetzen in ein Amt ausdrücken. Mit dem Anziehen der Priesterkleider tritt der כֹּהֵן in sein Amt ein und erhält die zum Dienst notwendige Weihe.

Sachlich:

Das Kleid hat seit Beginn der Geschichte große Bedeutung für die Menschenerziehung. Es wurde vom Vater der Menschheit seinem Kinde Adam als ewige Mahnung an seinen sittlichen Menschenberuf gereicht, als er mit der Gefahr tierischer Verirrung aus dem Paradies entlassen wurde (תּוֹרָה תְּחִלָּה גַּמְּלוֹת חֲסָדִים וְסוֹפָהּ גַּמְּלוֹת חֲסָדִים [1]). Nur der Mensch ist sich seiner Nacktheit bewusst, und nur der Mensch schämt sich seiner Nacktheit, weil er fühlt, dass die tierische Seite seines Körpers in Widerspruch zu seiner hohen geistigen und sittlichen Stufe steht. Deshalb auch trägt nur der Mensch Kleider. Die von G-tt gereichten כָּתְנוֹת עוֹר [2] sind eine Mahnung an den Menschen, sich des Gegensatzes von Körper und Geist stets bewusst zu sein, und seinen Menschenberuf nicht zu vergessen. Dadurch charakterisiert das Kleid als erstes und am augenfälligsten ein Wesen als Menschen.

Kleider dienen somit der Verhüllung, sprechen aber ebenso eine sittliche Mahnung aus.

Darum werden בגד, לבש und עטה (die alle materiell ein bekleiden bedeuten) auch zum Ausdruck für die Identifizierung einer Persönlichkeit mit einer Eigenschaft oder einem Merkmal. Diese Eigenschaft, bzw. dieses Merkmal, wird dann sozusagen zum „geistigen Gewand“ dieser Persönlichkeit für das „geistige Auge” des Beobachters. So selbst von G-tt: G-tt bekleidet Sich mit Hoheit, mit Stärke, und umgürtet Sich damit[3]; Er hat Sich in הוד und הדר gekleidet[4]; Er hüllt Sich in Licht wie ein Gewand[5], auch sonst an vielen Stellen. So auch insbesondere vom Menschen: G-tt bekleidet uns mit den Gewändern des Heils und umhüllt uns mit dem Mantel der Pflichttreue[6]. Ausdrücklich auch von den Kohanim: G-ttes Priester kleiden sich in Gerechtigkeit[7]; G-tt kleidet Zions Priester in Heil[8].

Nach allen diesen sprachlichen Tatsachen sind wir zur Annahme berechtigt, dass auch die Priesterkleider, durch welche erst die Priester zum Dienst berechtigt werden, den Charakter ausdrücken sollen, den der Kohen als Priester vergegenwärtigen soll.

Die Bedeutung der Priesterkleider

Die Priesterkleider sind nicht bloß ein äußerlicher Schmuck, sie haben auch nicht nur für den Betrachter, sondern auch für den כֹּהֵן (Kohen) selbst eine Bedeutung, die ihm zum Bewusstsein kommen soll. Dafür spricht die gesetzliche Bestimmung, שֶׁלֹּא יְהֵא דָּבָר חוֹצֵץ בֵּין הַבְּגָדִים לִבְשָׂרוֹ [9], dass nicht das Geringste zwischen ihnen und dem Körper des כֹּהֵן scheiden dürfe. Sie müssen unmittelbar und ganz die Teile bedecken, die zu bekleiden bestimmt sind, der כֹּהֵן muss somit ganz in ihnen aufgehen.

Auch die Bestimmung, dass die himmelblaue תְּכֵלֶת-Wolle ausdrücklich und ausschließlich für diese Bestimmung gefärbt sein muss, צְבִיעָה לִשְׁמָהּ, belegt den symbolischen Charakter der Kleider und ihrer Stoffe. Da die בִּגְדֵי כְּהֻנָּה (Priesterkleier) dem כֹּהֵן von der Nation gereicht werden, sprechen sie wohl auch die קְדֻשָּׁה (Heiligkeit) aus, welche das מִקְּדָשׁ (das Heiligtum), die כֹּהֲנִים, und ihre Kleider der jüdischen Persönlichkeit bringen sollen, bzw. die sie von ihr erwarten. Die בִּגְדֵי כֹּהֵן גָּדוֹל (die Kleider des Hohepriesters) müssen wir als Repräsentation der Charaktereigenschaften der idealen jüdischen Persönlichkeit, der Verkörperung des G-tterfüllten Jisrael-Menschen, verstehen, die בִּגְדֵי כֹּהֵן גָּדוֹל stellen die Vorstufe der Charaktereigenschaften des כֹּהֵן גָּדוֹל dar.

Die Bedeutung der Materialien und Farben in den בִּגְדֵי כְּהֻנָּה

Die einzigen Materialien, die zur Herstellung der בִּגְדֵי כְּהֻנָּה eingesetzt wurden, waren Wolle und Leinen. Die Wolle selbst wurde in drei verschiedenen Farben verwendet: himmelblau, und zwei Nuancen von rot: purpurrot und karmesinrot תְּכֵלֶת וְאַרְגָּמָן וְתוֹלַעַת שָׁנִי וְשֵׁשׁ. Wir haben bei den Spenden in Parschat Teruma[10] versucht, die Bedeutung dieser Materialien und Farben zu erklären. Um zu verstehen, was die einzelnen Priestergewänder uns sagen wollen, möchten wir diese Gedanken kurz wiederholen.

Das menschliche Gewand dient in תנ“ך zum Ausdruck des menschlichen Wesens allgemein, und von einzelnen Charaktereigenschaften im Besonderen.

Das menschliche Wesen umfasst zwei Seiten: eine sogenannte vegetative Seite (Ernährung, Fortpflanzung und Wachstum), und eine animalische Seite (Bewegung, Erkennen, Wollen). Diese beiden Seiten werden durch die Materialien der בִּגְדֵי כְּהֻנָּה und durch ihre Farben dargestellt.

Die vegetative (pflanzliche) Seite

umfasst die Ernährung und die Fortpflanzung mit allen dadurch bedingten Reizen und Trieben, und allen danach strebenden und diese Seite genießenden Tätigkeiten. Auch die Pflanze kennt Ernährung und Fortpflanzung, allerdings ohne die bei Tieren und Menschen damit verbundenen Triebe.

Die animalische („lebende“) Seite

umfasst das Leben mit all seinen lebendigen Kräften der Bewegung, der Emotionen, des Erkennens, Wollens und Strebens. Diese „Lebenszeichen“ sind allen höheren Lebewesen eigen, auch Tieren, darum: animalische Seite.

שֵׁשׁ — Flachs (Byssus):

Flachs — Leinen — ist Repräsentant des Vegetativen und ist weiß. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Sittliche Reinheit bezieht sich aber im Gesetz der Tora vorzugsweise auf die Kräfte des vegetativen Lebens, wie Ernährung und geschlechtliches Leben. Entartung im genießenden und geschlechtlichen Leben ist die schwerste Befleckung des reinen Menschenwesens. Reinheit (טָהֳרָה) wird nur durch die Veredlung der vegetativen Seite des Menschenwesens erreicht.[11]

Wolle:

Sie ist Repräsentant des Animalischen. Dem Stoff nach gehört die Wolle zum Tier, ebenso wie die Farben, mit denen sie hier auftritt, die ebenfalls tierischer Herkunft sind. Die beiden roten Farben אַרְגָּמָן und תּוֹלַעַת שָׁנִי (purpurrot und karmesinrot) sind die Farbe des Blutes und versinnbildlichen das Leben. Dabei steht שָׁנִי für die untergeordnete, animalische (tierische) Stufe des Lebens, in welcher Bewegung, Erkennen und Wollen ausschließlich im Dienst der Ernährung und Fortpflanzung stehen.

אַרְגָּמָן aber, purpurrot,

steht für die höhere, menschliche Stufe. Bewegung, Erkennen und Wollen stehen hier im Dienst der menschlichen Persönlichkeit und seiner geistigen und sittlichen Aufgabe. und nicht nur im Dienst des vegetativen Systems. Überhaupt heißt der Mensch ja אָדָם, der „Rote“ par excellence, das Leben in seiner höchsten Potenz.

תְּכֵלֶת, die blaue Farbe,

weist auf die Grenze (תְּכֵלֶת) unseres Horizontes, auf das über unseren sinnlichen Gesichtskreis hinaus liegende Unsichtbare, G-ttliche hin. Am Kleidungsstoff ist diese Farbe einerseits zum Sinnbild des uns offenbar gewordenen G-ttlichen, andererseits die Farbe des G-ttesbundes mit dem Menschen, und schließlich das Zeichen für das G-ttliche, das sich mit den reinen Menschen verbindet uns sein ganzes Leben durchdringt.

Es sind somit

שֵׁשׁ – Flachs das Vegetative

שָׁנִי – karmesinrote Wolle das Animalische (das Tierische)

אַרְגָּמָן – purpurrote Wolle das Menschliche

תְּכֵלֶת – blaue Wolle das G-ttliche

  1. wörtliche Übersetzung: Die Tora ist am Anfang Wohltätigkeit und an ihrem Ende Wohltätigkeit
  2. lederne Kleider
  3. Tehillim 93,1
  4. Tehillim 104,1
  5. Tehillim 104,2
  6. Jeschaja 61,10; so auch Ijow 29,14; Mischle 31,25: Secharja 3,3-4, und viele andere Stellen.
  7. Tehillim 132,9
  8. Tehillim 132,16 und in Diwre Hajamim II 6,41
  9. Sewachim 19a
  10. 25,4
  11. Auch im Schaatnes-Gesetz repräsentiert die Wolle als Gewandstoff die animalische Seite des Menschenwesens, während Flachs die vegetative Seite darstellt.

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