Wochenabschnitt Waetchanan – Schabbat Nachamu – Trostfindung im Streben nach geistigem Wachstum

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Nachamu

So wie sich die geschichtlichen Ereignisse, die zur Zerstörung des ‚Bet haMikdasch‘ und dem Verlust der nationalen Selbstständigkeit Jisraels nicht nur an einem Tag ereigneten, sondern das Endprodukt zahlreicher Geschehnisse und vieler sich langsam immer weiter zuspitzenden Entwicklungen waren, werden auch während den drei Trauerwochen der „Jemej ben haMezarim“ ab dem 17. Tamus Freudenäußerungen immer mehr eingeschränkt, bis es zum Fasttag des 9. Aw kommt, an dem die Einschränkungen am strengsten sind. Aus diesem Grund hört danach auch die Trauer nicht abrupt auf, sondern hält noch bis zum Mittag des 10. Aw an, wie dies im Schulchan Aruch vorgeschrieben wird, und ebbt erst gegen Abend langsam ab[1].

Danach verkündet der kommende Schabbat den großen Trost in der mit „Nachamu, Nachamu Ami“ beginnenden Haftara,

die den Anfang der „Schiw’ah deNechemta“, der „sieben Haftaraot des Trostes“, bildet. Daher trägt dieser Schabbat die Bezeichnung „Schabbat Nachamu“.

Darauf folgt der Freudentag des 15. Aw, an dem die Bne Jisrael einst, wie Rabban Schimon ben Gamliel bezeugte, ihr größtes Fest feierten (wie auch am Ausgang von Jom Kippur)[2]. So erfüllte sich in der auf dem Trauertag des 9. Aw folgenden Zeit die trostreiche Verheißung des Jirmijahu haNawi (13,12): „Ich werde ihre Trauer in Jubel umwandeln, sie trösten, und sie nach ihrem Kummer erfreuen…[3]

Die Zeit nach den Trauertagen ist jedoch nicht nur eine Zeit des Trostes für unsere physisch erlittenen Schmerzen.

Mit der Zerstörung des ‚Bet haMikdasch‘ und unserer Vertreibung ins Galut haben wir auch einen unermesslichen, geistigen Verlust an ‚Ruchaniut‘ (Spiritualität) erlitten. Die Heiligkeit, Reinheit und unvergleichbare Weisheit, die wir damals in Erez Jisrael besaßen, ist uns leider verloren gegangen!

Am 15. Aw herrschte eine besondere Freude im Klall Jisrael wie am Ausgang von ‘Jom Kippur‘, nachdem Haschem uns alle Sünden vergeben hat. Es ist die Freude, die wir fühlen, wenn wir G’tt frei von allem Unreinen und Schlechten mit neuer Kraft dienen können. Dieselbe Freude ist es, die uns am 15. Aw erfüllt: Der Trost, G’tt bald wieder frei von allen Nöten und schlechten Einflüssen im neuen ‚Bet haMikdasch‘, mit allen Jehudim vereint, zu dienen; unsere einstige geistige Stufen der Weisheit und Heiligkeit zurückzuerlangen.

Deshalb heisst es in den Sefarim haKedoschim, dass die Vorbereitungszeit zu den ‚Jamim haNora’im‘ (ehrfurchtsvollen Tagen), die Zeit der Teschuwa, gleich nach dem 15. Aw und nicht erst am Rosch Chodesch Elul beginnt, wie allgemein angenommen.

„Nachamu, Nachamu Ami“ – der wahre Trost ist die Rückkehr des Klall Jisrael zu Haschem, die Möglichkeit, durch Teschuwa die alte Verbindung wiederherzustellen.

Denn das ist die Gemeinsamkeit der Freude des 15. Aw und des ‘Mozae Jom Kippur‘, an denen sich die Jünglinge mit ihren auserkorenen ‚Siwugim‘ (Ehefrauen) trafen[4], und ihre alten Verbindungen wiederherstellten. Denn Chasal sagen, dass der Mann sich deshalb auf der Suche nach seiner Frau begeben muss und nicht umgekehrt, weil er seine „verlorene Rippe“ suchen muss, also seine alte Verbindung erneuern soll![5]

So sollte sich auch der ganze Klall Jisrael in diesen Tagen vom 15. Aw bis Mozae Jom Kippur mit seiner eigentlichen Aufgabe beschäftigen, nämlich mit der Teschuwa zu Haschem, der Wiederherstellung seiner alten Verbindung zu G’tt. In dieser Zeit wird jedem die Chance gegeben, einen Ausweg aus seinen vielen physischen und geistigen Leiden zu finden und einen Neuanfang zu starten.

Es liegt an uns, diese Chance zu ergreifen und sie diesmal richtig zu nützen!

Es ist also nicht die bloße Hoffnung auf bessere Zeiten, die den Trost bewirkt, sondern die unerschütterliche ‚Emuna‘ (Glaube), die felsenfeste ‚Bitachon‘ (Überzeugung), das unaufhörliche Sehnen und Suchen nach Erneuerung und Änderung zum Besseren. Dieses Streben motiviert den Menschen, seine Hoffnung nicht aufzugeben, immer wieder neue Möglichkeiten zu finden, und sie verhelfen ihn zu ungeahnten Taten und Leistungen.

Dies lehrt uns auch unser größter Lehrer und geistiger Führer aller Zeiten, „Mosche Rabenu“. Obwohl er wusste, dass er bald sterben würde, gab er seine Hoffnung nicht auf, wenigstens seinen Fuss auf den Boden des „Heiligen Landes“ setzen zu dürfen. „Wa’etchanan el Haschem…“ – so flehte er zu G’tt mit 515 Gebeten (der Zahlenwert des Wortes “ואתחנן”), dass er ihn den ‘Jarden’ (Jordan) überqueren lasse[6].

Chasal sagen, dass sich Mosche deshalb so nach Erez Jisrael sehnte, weil er dort die „Mizwot hatelujot ba’Aretz“, die nur in Erez Jisrael ausführbaren Gebote, erfüllen wollte[7].

Doch dieser einzigartige „Manhig haDor“ (Führer seiner Generation), der sein ganzes Leben lang nur für das Wohl des Klall Jisrael lebte und strebte, tat dies sicher auch mit seinen letzten Worten. Die erwähnten zahlreichen Tefilot, die er innigst dawente, waren nicht nur für ihn selbst, wie man irrtümlicherweise meinen könnte; Er zeigte mit seinen unaufhörlichen Bitten jedem Jehudi die wichtige Regel, immer nach weiteren Möglichkeiten für sein „Ruchaniut“ zu suchen, sein geistiges Potenzial zu erweitern und in die Tat umzusetzen.

So verstehen wir den Zusammenhang zwischen dem Beginn von Mosches Tefila und dem Fasttag des 9. Aw, der immer auf die Woche der „Parschat Wo‘etchanan“ fällt. Dies ist auch in den Anfangsbuchstaben des Passuk וָ’אֶתְחַנַּן אֶ’ל י‘ בָּ’עֵת הַ’הִוא angedeutet, der die gleichen Anfangsbuchstaben wie אֵ’יכָה יָ’שְׁבָה בָ’דָד הָ’עִיר enthält und zugleich auch das Wort אֵיְבָה – Feindschaft ergibt[8].

Wenn wir nämlich dieses Streben nach ständiger Erweiterung und Vergrößerung unserer geistigen Stufe nicht verfolgen, so geschieht chalila (G’tt behüte) genau das Gegenteil –

wir werden von ihr entfernt! Wie eine Feindschaft, die sich zwischen zwei guten und sich liebenden Freunden aufkommt, wenn sie nicht ihre Freundschaft ständig hegen und pflegen und sich Mühe geben, diese zu erweitern und vertiefen.

Wir sagen jeden Tag in der ‚Keriat Schma‘ den Passuk aus der dieswöchigen Sidra (6,5) „weAhawta et Haschem ElokechaDu sollst Haschem deinen G’tt lieben“ mindestens drei Male. Doch diese Liebe muss nicht nur erhalten, sondern auch von Tag zu Tag durch die Erkenntnis Seiner Größe und Weisheit vergrößert und vertieft werden. Sonst bleibt am Ende von der schönen Freundschaft und innigen Liebe chalila nur „Ejcha jaschwa badad“ – „Wie sitzt sie, einsam und verlassen“!

Mosche Rabenu wusste, dass Haschem ihn nicht nach Erez Jisrael gehen lassen wollte, aber die Hoffnung, sein Streben nach geistiger Entwicklung, nach weiteren Möglichkeiten zum „Kijum haMizwot“ und dem Torah-Lernen auf einem höheren Niveau, wie es die Torah von Erez Jisrael ist[9], durfte er, noch wollte oder konnte er aufgeben!

  1. Schulchan Aruch O“Ch 558
  2. Ende Massechet Ta’anit
  3. Gemäß Raw Elie Munk sl. in „Welt der Gebete“
  4. Siehe ausführlich in meinem Artikel „Der außergewöhnliche Jom Tov des 15. Aw“ (2. Teil) in BJ/Nr.?.
  5. Kiduschin 2b und Nida 31b
  6. Midrasch Dewarim Rabba 11,10
  7. Sota 10a
  8. Meforschim
  9. Baba Batra 158b

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