Wochenabschnitt Schoftim – Sur meRa weAsseh Tov – Ein Leitfaden der Teschuwa

Datum: | Autor: Rav Chaim Grünfeld | Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag
Schoftim

שֹׁפְטִים וְשֹׁטְרִים תִּתֶּן לְךָ בְּכָל שְׁעָרֶיךָ אֲשֶׁר ה‘ אֱלֹקֶיךָ נֹתֵן לְךָ לִשְׁבָטֶיךָ וְשָׁפְטוּ אֶת הָעָם מִשְׁפַּט צֶדֶק. Der Sefat Emet[1] findet im Beginn dieser Parscha einen Hinweis auf die Pflichten jedes Jehudi im Monat Elul, die aus dem Passuk (Tehilim 34,15) hervorgehen: סוּר מֵרָע וַעֲשֵׂה טוֹב” – „Entferne dich vom Bösen und tue Gutes“. Wie die Ba’ale Mussar schreiben, haben wir die umgekehrte Reihenfolge zu befolgen und sofort mit der Ausübung von guten Taten abzugeben und uns erst später vom Bösen zu entfernen. Dies ist für uns einfache Jehudim der leichtere Weg zur Teschuwa (Rückkehr zu G’tt).

Der erwähnte Passuk wird daher so verstanden: „Entferne dich vom Bösen, indem du Gutes verrichtest“.

Der höhere und eigentlich ideale Weg der Teschuwa verlangt jedoch zuerst die totale Tilgung aller schlechten Gedanken und Eigenschaften im Menschen, bevor er mit der Ausführung der Mizwot beginnt, damit diese in völliger Reinheit verrichtet werden. Diesen Weg können jedoch nur Zadikim und außergewöhnliche ‘Owde Haschem’ (Diener G’ttes) beschreiten, denn unsereiner würde sich sein ganzes Leben nur mit dem „Sur meRa“ befassen und damit verbringen, sich zu reinigen und seine ‘Midot’ (Charaktereigenschaften) zu verbessern, während er nie oder kaum die Gelegenheit erhalten würde, das „Asseh Tov“ zu erfüllen!

Dies will uns die Torah in dieser Parscha lehren, die zu Beginn des Monats Elul geleint wird: „Schoftim“ – das sind die Richter, die Zadikim und Gedole haDor, welche die Torah kennen, sie uns lehren und uns die richtige Art und Weise von Kijum (Erfüllung) haMizwot vorleben. „Schotrim“ dagegen sind die Aufseher (Exekutivbeamte), welche die Menschen zwingen, den Befehlen der Torah – die durch die Schotrim vermittelt werden – zu gehorchen. Die von der Torah verlangten und nur zur Zeit des Sanhedrins existierenden „Schoftim und Schotrim“, verkörpern also den Grundsatz von „Sur meRa weAsseh Tov“, was wir auch heutzutage, zumindest in kleinerem Format, von unseren geistigen Führern und Chachme haTorah lehrnen können. Von ihnen sollen wir uns den Weg zeigen lassen und ihren Rat einholen, wie wir uns vom Bösen, von unseren schlechten Taten und Eigenschaften entfernen können, und uns belehren lassen, wie wir das Gute tun sollen.

Dieser Grundsatz von ”Sur meRa weAsseh Tov“ – „titen beChol Sche’arecha” – sollst du in allen deinen Toren verbreiten und ausführen.

Es gibt keinen Menschen auf der Erde, der diese Regel nicht strikt beachten muss, und es gibt im Menschen selber kein Bereich, der dieser Regel nicht unterworfen ist: Jegliches Tun, Denken und Sprechen, ob beim Essen oder Schlafen, Arbeiten oder Vergnügen.

Im Midrasch lehrt uns Rabbi Elasar: „Wenn kein Schoter existiert, gibt es auch keinen Schofet, ohne Schofet gibt es auch keinen Schoter“[2]. Die beiden Begriffe von Schofet und Schoter sind demnach eng miteinander verbunden. Das eine kann nicht vom anderen getrennt werden, und man darf sich nicht mit der Hälfte begnügen.

So verhält es sich auch mit der heutigen Verkörperung der Schoftim und Schotrim; man kann nicht nur einen Teil von „Sur meRa weAsseh Tov“ erfüllen und hoffen, wenigstens die Hälfte erreicht zu haben.

Beide sind notwendig, sonst hat man gar nichts erreicht!

Mizwot zu verrichten, Dawenen und Torah-Lernen ohne auf „Sur meRa“ Gewicht zu legen hat kaum einen Wert, so wie auch umgekehrt, die Entfernung vom Bösen ohne „Asseh Tov“ keinen Sinn hat.

Die Ba’ale Mussar gehen noch einen Schritt weiter[3]. Sie sagen, dass dieser Grundsatz in beiden Bereichen ausgeführt werden muss, ‘ben Adam laMakom’ (zwischen dem Menschen und G’tt) und ‘ben Adam leChawero’ (zwischen dem Menschen und seinen Mitmenschen). Daher schreibt der Passuk weiter: „Ascher Haschem Elokecha noten lecha liSchwatecha” – „die Haschem Dein G’tt dir gibt, für deine Stämme“. Die Schoftim und Schotrim, die Verkörperung des erwähnten Grundsatzes von „Sur meRa weAsseh Tov“ müssen in allen Dingen, die das Verhältnis zwischen Menschen und G’tt betreffen, vorhanden sein, aber auch in den Belangen, die das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinen Mitmenschen angehen – „weSchaftu et ha’Am Mischpat Zedek” – „sie sollen das Volk nach Gerechtigkeit richten“.

In diesem Sinn können auch die vier in den Posskim[4] zitierte Psukim, verstanden werden, in deren Anfangsbuchstaben sich der Monat Elul verbirgt:

a) אֲ’נִי לְ’דוֹדִי וְ’דוֹדִי לִ’יIch zu meinem Freund und mein Freund zu Mir”[5].

b) וּמָל ה‘ אֱלֹקֶיךָ אֶ’ת לְ’בָבְךָ וְ’אֶת לְ’בַב זַרְעֶךָG’tt wir dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden”[6].

c) וַאֲשֶׁר לֹא צָדָה וְהָאֱלֹקִים אִ’נָּה לְ’יָדוֹ וְ’שַׂמְתִּי לְ’ךָ מָקוֹם אֲשֶׁר יָנוּס שָׁמָּהWer einen Menschen getötet hat, ihm aber nicht nachgestellt hat, sondern G’tt hat es ihm so in die Hände gefügt, so werde Ich ihm einen Ort bestimmen, wohin er fliehen soll”[7].

d) וּמִשְׁלוֹחַ מָנוֹת אִ’ישׁ לְ’רֵעֵהוּ וּ’מַתָּנוֹת לָ’אֶבְיוֹנִיםEiner soll seinem Nächsten Geschenke bescheren und Gaben für die Armen austeilen”[8].

Diese vier Psukim deuten auf den eben gelernten wichtigen Grundsatz des Monats Elul hin.

Der erste Passuk deutet auf die Aufgabe von „Asseh Tov“ hin, Hkb“H durch das Erfüllen seiner Gebote zu nähern. Der zweite Passuk deutet auf die Pflicht von „Sur meRa“ hin, das Entfernen und Aussondern der schlechten Eigenschaften aus seinem Herzen und dem seiner Kinder. Der dritte Passuk weist darauf hin, dass sich die diese Aufgabe auf alle Bereiche zwischen den Menschen und G’tt bezieht, und wie im letzten Passuk betont wird, auch auf alles, was zwischen den Menschen und ihren Mitmenschen abläuft.

Auch die besonderen Tage von Elul und Tischri verkörpern diesen Leitfaden der vierteiligen Teschuwa:

Im Monat Elul strengen wir uns vermehrt an, damit wir uns im „Asseh Tov” verbessern, mit vermehrten Gebeten und Selichot, intensiverem Torah-Lernen und der Verrichtung guter Taten, ganz im Sinne des Grundsatzes von „biTeschuwa, biTefila und ubiZedaka ma’awirin et roah haGesejra” – „Durch die Rückkehr, Gebet und gerechte Taten, können Strafdekrete aufgehoben werden”.

In den Asseret jemej Teschuwa” (zehn Busstagen) wird vermehrt Gewicht auf das „Sur meRa” gelegt, um begangenes Unrecht wieder in Ordnung zu bringen, bis wir am Jom Kipur wie die Mal’achim rein von jeglichen Verfehlungen sind. Am Sukkot wird besonders auf das „ben Adam laChawero” gearbeitet, indem man mit anderen zusammen in der Sukka sitzt, bei den ‘Arba Minim’ alle Schichten des Volkes vereint sind und danach einen gemeinsamen Kreis bilden, der sich um die Torah dreht (‘Hoschanot’ und ‘Hakafot’ am Simchat Torah). Am letzten Jom Tov, am „Schemini Azeret” hingegen, vereint man sich mit G’tt alleine (‘ben Adam laMakom’) und versucht all das, was man bisher im Elul und Tischri erarbeitet hat, zu einem grossen Ganzen zu vereinen.

  1. Sefat Emet (Parschat Schoftim 5638)
  2. Midrasch Tanchuma Parschat Schoftim 2
  3. Siehe auch Rambam Hilchot Teschuwa
  4. Siehe Kizur Schulchan Aruch 128,1
  5. Schir haSchirim 6,3
  6. Dewarim 30,6
  7. Schmot 21,13
  8. Esther 9,22

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